Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Wilhelmsburger Freitag (1964)

Wilhelmsburger Freitag
Buch: Christian Geissler, Regie: Egon Monk
90’11″ NDR 1964, Erstsendung 19.3.1964
(spätere Buchausgabe unter dem Titel „Kalte Zeiten“, Claasen 1965)

Ein Tag im Leben von Jan und Renate Ahlers: Freitag, der Tag, an dem der Lohn ausgezahlt wird, der Beginn des Wochenendes. Morgens gemeinsames Frühstück – sie isst nichts, ihr ist übel. Im Radio läuft „ihr Lied“ – sie hören es gemeinsam und erinnern das Glück beim Kennenlernen. Kurzes Gespräch über das Geld, was sie brauchen: für die Einrichtung der neuen Wohnung, den Kinderwagen, … Dann getrennte Wege über den Tag.

Der Film zeigt seinen Arbeitstag als Baggerführer, isoliert von Kollegen, umworben vom Chef, der ihn „kauft“ und willfährig macht, indem er ihm suggeriert, er sei etwas Besseres: „Sie sind in Ordnung, Ahlers!“ Mittags gibt es Lohn. Ahlers spürt den Druck, sich etwas leisten zu wollen, zu müssen, durch mehr Konsum (besseres Auto) selbst etwas Besseres zu werden. Der Chef hat Sonderaufträge für ihn. Die anderen Arbeiter tuscheln.

Renate Ahlers putzt die Wohnung, macht es sich gemütlich, liest Illustrierte, geht dann aber raus. Überdeutlich wird ihr sehnsüchtiger Blick auf alles, was mit kleinen Kindern zu tun hat, also auch Schaufenster mit Spielzeug. Sie geht ins Kino, besucht ehemalige KollegInnen in Betrieb, in dem sie bis zur Hochzeit gearbeitet hat, trinkt Kaffee … und führt fiktive Gespräche mit dem ungeborenen Kind.

Eine kurze Begegnung zwischen Jan und Renate in der Stadt – er fährt mit dem Bagger auf eine neue Baustelle. Er gibt ihr schon mal die Lohntüte, aus dem LKW-Fenster heraus, abends soll sie nicht warten, Überstunden.
Abends fährt er für den Chef nach Lüneburg, um einen antiken Schrank abzuholen, sie ist wieder zu Hause. Er kommt spät. Sie tut so, als ob sie schon schläft, schielt zu ihm. Er legt die Platte auf, ihr Lied. Macht sie sofort wieder aus. Sie guckt, er sieht, dass sie wach ist. Macht das Lied wieder an. Sie küssen sich. Kurzer Moment des Glücks, dann wieder jeder für sich allein. Er ist fix und fertig, weiß nicht, warum. Er denkt, er muss sich immer gegen irgendetwas stemmen, weiß aber nicht, wogegen: „Kommst du nicht gegen an“. – „Manchmal denke ich, da ist was hinter mir.“ – „Fühlt sich so an. – „Und wenn du genauer hinguckst, guckst du gar nicht mehr durch.“
Samstag ist wieder Schwarzarbeit angesagt. Eine ewige Mühle. Sie wollen jetzt kein Kind haben. Seine Hoffnung: Vielleicht bist du doch nur krank.

Die Figur Ahlers wird zu einer Konstanten in Geisslers Werk, einer Figur, die zwischen Ohnmacht und Gegenwehr changiert. In “Altersgenossen” (1969) zeigt er die Politisierung Ahlers, der dann in den folgenden Romanen immer wieder auftaucht. In „Immer nur Fahrstuhl ist blöde“ zeichnet Geissler eine Frauenfigur, die an Renate Ahlers erinnern mag, deren Ausbruchversuch aber im Konsum stecken bleibt. Interessant in „Wilhelmsburger Freitag“ ist auch noch die „Filmsprache“: Es wird kaum gesprochen, oft dienen Sprachfetzen nur als „Atmo“. Die Aussagen werden in Bildern getroffen. Es reicht völlig aus, die Figuren zu zeigen, was sie tun, was sie sehen, ihre Gesichter. Dazu eine heute etwas melodramatisch wirkende Musik.

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