Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Zeugen der Zeit: Richard Scheringer im Gespräch mit Christian Geissler (1980)

Zeugen der Zeit: Richard Scheringer im Gespräch mit Christian Geissler
NDR 1980, Erstsendung 5.9.1980

Die Berührungspunkte zwischen national-militaristischer „Befreiung“ und sozialistisch-internationalistischer Befreiung zwischen den Weltkriegen steht im Zentrum des Interesses. Geissler will wissen, wie nach der Niederlage in WK I die Hoffnungen eines großen Teils des Volkes wieder auf das Militär gerichtet werden konnten und zeichnet von dieser Frage aus die Linien zur NSDAP und WK II auf der einen Seite, zum international geführten kommunistischen Kampf auf der anderen und fragt nach dem Ort dazwischen, den Erkenntnissen, Entscheidungen, Übergängen. Scheringer ist zu den Kommunisten gewechselt, Ludin stand kurz davor, hat sich dann aber – nachdem er 1934 als SA-Führer durch Hitlers persönlichen Schutz knapp der Ermordung entgangen ist – Hitler „persönlich“ zu – bis hin zu einem Satz 1944: „Wir werden von Verbrechern regiert.“ Dabei wurde er später selbst als Kriegsverbrecher verurteilt. Zwischendurch, unmittelbar nach 1934, habe er aber sogar die Emigration erwägt. Von Scheringer werden als „Grenzgänger“, die zu spät etwas begriffen haben, auch die Geschwister Scholl oder der Widerstand vom 21. Juli genannt.

Geissler trifft Scheringer auf seinem Hof in Kösching. Das Gespräch wird nach Erscheinen von „Das große Los“ geführt. Scheringer hat nach der Niederlage in WK I und den Versailler Verträgen seine ganze Hoffnung auf die nationale Befreiung (von den Besatzermächten, nicht vom Kapital, aber verbunden mit einer positiven Sicht auf die Sowjetunion, später deutlicher auch Befreiung von Zinsknechtschaft, internationale Mächte wie „Judentum“ und kath. Kirche) auf ein Kampfbündnis von Schwarzer Reichswehr, Reichswehr und NSDAP gesetzt. Fluchtpunkt in der Geschichte sind die Befreiungskriege gegen Napoleon. Das Nationale findet seinen Ausdruck im Widerstand gegen die Rheinischen Separatisten und die Bestrebungen, das Ruhrgebiet aus dem Reich zu lösen. Wegen einer solchen Widerstandaktion wird er von französischen Besetzern verhaftet, von deutschem Richter freigelassen. Er flieht ins unbesetzte Deutschland nach Berlin, wird aber in Abwesenheit zu 10 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dann Schwarze Reichswehr, bis deren Duldung durch die Reichswehr (100.000-Mann-Heer) aufgekündigt wird, macht Abitur, dann Reichswehr-Offizier. Bis zu diesem Punkt sieht sich Scheringer im Einklang mit Fortschritt und in Verbindung mit proletarischen Kräften in diesem Kampf. Kommunisten waren aber zu internationalistisch, das widersprach seiner Intention, deshalb ging er zum Stahlhelm. Kontakte zur NSDAP, um Chancen für einen bewaffneten Befreiungskampf auszuloten, zusammen mit Ludin und Wendt. Verhaftung wegen Hochverrat, Festungshaft, getrennt von Ludin. Das macht deutlich, dass Reichswehr nicht für eine solche Befreiung, die er meinte, steht. Scheringer wird in der Haft von Kommunisten (u.a. Kurella) umgedreht, hört aber auch von Ludin, dass man jetzt nur noch Kommunist werden könne. Scheringer beschreibt den Weg der Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Zinsknechtschaft mit Hitler nicht geführt werden kann, dass er auf der anderen Seite steht und das sozialistische im Namen nur Fassade ist, dass die Befreiung national unmöglich, sondern nur im internationalen Kontext erreichbar ist.

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