Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Cover "Wird Zeit..." 1976
Cover "Wird Zeit..." 1976

“Wird Zeit, dass wir leben” – die Rezeption 1976

Geisslers Roman “Wird Zeit, dass wir leben” wurde 1976 nach “Das Brot mit der Feile (1973) und vor “kamnlatta” (1988) publiziert. “Das Brot …” und “kamalatta” lesen sich als Chronik des politischen Widerstands gegen gegen Wiederbewaffnung, Notstandsgesetze und Vietnamkrieg, gegen die restaurativen Tendenzen in der BRD. “Wird Zeit …” schiebt sich als historischer Roman zwischen diese beiden Bücher und erzählt vom antfaschistischen Widerstand 1927/1928 bis Ende 1933. Politische Gewalt gegen die Gewalt von oben sind Themen in allen drei Büchern. Die Ernsthaftigkeit, mit der Geissler sie als politische und moralische Frage thematisiert, während die RAF die Republik mit ihren Aktionen in Atem hielt, mag ein Grund dafür sein, warum er später in der westdeutschen Literatur marginalisiert wurde. Umso interessanter ist heute die überaus positive Resonanz des Romans in der zeitgenösssichen Literaturkritik. Wir dokumentieren im Folgenden die wesentlichen Stimmen:

“Wie bringt einer fünfzig Personen auf knapp 230 Seiten zueinander, gegeneinander und miteinander in Aktion? Und das ohne den tragenden und gelegentlich trägen Rahmen, der Familienromane und Sagas zusammenhält? (…) Kein Wunder, kein Trick, es ist der Stil, der Aufbau, das Tempo, die balladenhaft-lyrischen Präzision und Konzentration, mit der hier sozialkritisch-realistisch ausführliche Beschreibungen vermieden werden.”
Heinrich Böll / Die Weltwoche, 16.3.1977

“Das Buch ist politisch – in seiner Ästhetik: keineswegs nur, wo es von Politischem handelt (…), das Buch ist vielmehr auch dort politisch, wo Handeln Sprache, wo die Sprache durch Handeln gesprengt wird – mit sprachlichen Mitteln. Ein politischer Roman also, zugleich hochartifiziell. Ein schwieriges Buch und ein wichtiges.”
Martin W. Lüdke / Die Zeit, 12.11.1976

“Geissler ist der meiner Meinung nach gegenwärtig einzige Schriftsteller in der Bundesrepublik, der radikale politische und moralische Intentionen zu ästhetischen methodisch in unmittelbare Beziehung setzt. Dieser Roman fällt auch literarisch aus dem Rahmen, ist auch als Roman außerordentlich. Das ist nicht zuletzt begründet in seiner sprachlichen Originalität, die er aus der Alltagssprache der kleinen Leute Kraft holt, sie systematisch auf eine das Konkrete greifende Kunstsprache hin verknappend. (…) Diese literarische Apotheose der Gegengewalt ist mit dem allen keine Apotheose der Gewalt. Sie ist glaubhaft und packend eine Apotheose des Friedens. Nur eben nicht des untertänigen, faulen und falschen Friedens, wie ihn die Nazis in den ersten Jahren ihrer Herrschaft erzwangen.”
Heinrich Vormweg / Süddeutsche Zeitung, 9.12.1976

“Weder begnügt er sich (…) mit einem reportagehaften Realismus, noch läßt er sich dazu verleiten, über geschlossene Heldenfiguren entlang einer Parteilinie zu schreiben und die Widersprüchlichkeit des politischen Kampfes, der Haltungen, Einsichten und Aktionen zu unterdrücken. (…) Geisslers Buch beschreibt das allmählich sich entwickelnde Verständnis von wenigen, die sich im Bewußtsein ihrer Niederlage, ihres verkürzten und verstümmelten Daseins mit einer Aktion den Weg ins Freie verschaffen.”
Wilfried F. Schoeller / Frankfurter Rundschau, 18.9.1976

“Geissler hat seinen Stoff ausführlich recherchiert, in sein Buch sind Dutzende von Lebens-, Aktions- und Kampfberichten alter Genossen eingegangen, die sinnlich und anschaulich alle Aspekte eines Lebens schildern, das keins ist und so verzweifelt intensiv eins werden möchte: eins das Sinn hat, Spaß macht und lohnt.”
Yaak Karsunke / konkret, 01 – 1977

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