Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

“Schlachtvieh” (1963)

Schlachtvieh.
Fernsehspiel für Menschen in einem unterentwickelten Land
Buch: Christian Geissler Regie: Egon Monk, 92’04″,
NDR 1963, Erstsendung 14.2.1963
(auch als Buchausgabe erschienen im Claasen-Verlag 1963)

Anfang wird Schlachtvieh gezeigt – eine Herde Rinder: Zufrieden stehen sie auf der Weide, fressen sich rund, ruhen sich aus, bis sie auf die Ladefläche des Transporters steigen. Am Ende werden sie aus einem Zug heraus und zum Schlachthof getrieben, aus dem Zug steigen auch die Schlachter – ein Ochse wird per Kopfschuss getötet. Das ist der allegorische Rahmen, der deutlich an Brechts „nur die allerdümmsten Kälber …“ erinnert.
Dazwischen die Zugfahrt in einem Luxus-Zug mit Speisewagen, Schreibabteil. Die Fahrt wird von mehreren Merkwürdigkeiten begleitet:
Der Zug wird erst verspätet bereitgestellt, der hintere Zugteil ist verschlossen, eine verzerrte Durchsage weckt Assoziationen an einen Kriegsbeginn, die Fenster lassen sich nicht öffnen, die Notbremse funktioniert nicht, vorgesehene Zwischenstopps fallen aus. Es baut sich eine dramatische Situation auf, die Reisenden sind verunsichert. Doch die einen drängen ihre Angst mit Macht beiseite: „Es ist alles in Ordnung!“ Andere, allen voran das Schreibabteilmädchen, wollen unbedingt wissen, was los ist. Das Mädchen zieht schließlich die Notbremse – aber ohne jede Wirkung. Eine Figur ist etwas unentschlossen dazwischen – Köhler, so hieß auch der Held in „Anfrage“, er kommt von Drüben. Die Leute, die nichts wissen wollen und auf die Obrigkeit (den Zugführer) vertrauen, sind in der Mehrheit. Sie stimmen demokratisch ab – wie bei den Wahlen im Land. Das Ergebnis: Wir wollen nichts wissen.
Zwischendurch spielen sie ein Spiel, damit die Zeit vergeht: „Schlachtvieh“. Jeder muss pantomimisch vorführen, ein Vieh zu schlachten, wer zuerst rät, was es ist, kommt als nächster dran. Vom Hasen über Karpfen kommt man schließlich zum Menschen: Ein Bomberpilot wirft Bomben ab. Pantomimisch sitzt er am Steuerknüppel, pantomimisch zeigt er am Ende seiner Darbietung den aufsteigenden Atompilz. Die Leute im Zug sind erst entsetzt und dann zunehmend begeistert von dem Spiel. An Ende kommt der Zug auf einem verlassenen, unendlich langen Bahnsteig an. Die Reisenden steigen aus. Erleichterung? Schnitt: Aus dem hinteren, verschlossenen Teil des Zugs werden die Rinder getrieben. Die Schlachter steigen aus.
In „Anfrage“ (der Roman erschien drei Jahre zuvor, das Fernsehspiel wurde ein Jahr zuvor gesendet) will der Protagonist Klaus Köhler es wissen: Was ist mit der jüdischen Familie Valentin 1938 geschehen, wer hat etwas gewusst, sogar getan. Seine Frage läuft ins Leere. Am Ende bleiben die Bilder der Gedenkstätte des KZ Dachau. „Schlachtvieh“ geht einen deutlichen Schritt weiter. „Fernsehspiel für Menschen in einem unterentwickelten Land“ lautet der Untertitel (in der gedruckten Fassung weggelassen). Der Film zielt auf die Gegenwart – es geht um das eigene Leben. Glanzvolle Auftritte hat übrigens Gert Haucke. Seine Filmografie auf Wikipedia verzeichnet diese Rolle allerdings nicht.

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