Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Ostermarsch 1965 – Rede, gehalten in Bochum, Bremen und Hamburg

Meine Damen und Herren.
Liebe Freunde.
Wenn ich meine Ostermarsch – Reden der letzten Jahre durchlese, fällt mir auf, daß ich eigentlich nie von der Bombe selbst rede. Es könnte ja aber nun mal einer kommen und mich fragen: Warum tust du das? Ostermarsch ist schließlich Ostermarsch. Ich würde ihm antworten: Mein Lieber (oder: Meine Liebe), ich setze voraus, daß jeder normale Mensch inzwischen kapiert hat, daß die Bombe eine mörderische Sache ist. Jeder weiß das. Auch wenn er nichts von uns weiß. Auch wenn er sich nicht rührt.
Warum also lange reden, was alle schon wissen?
Ich rede stattdessen lieber von uns. Von unserer politischen Ohnmacht, unserer politischen Dummheit, unserem Mangel an Freude und Mut. Übrigens auch von unseren Hoffnungen, der Hoffnung auf Änderung und Besserung der Lage, der Hoffnung auf gute Zeiten.
Warum ist mir das wichtiger?


(Flugblatt zur Auftaktkundgebung in Frankfurt)

Nun, ich glaube, das fängt ganz persönlich an.
Ich finde es nämlich zunächst einmal ganz einfach buchstäblich widerwärtig, zuzusehen, wie Menschen sich ihre Sicherheit herstellen lassen mithilfe von Massenvernichtungsmitteln. Mutige, lebendige Leute würden – nach meiner Auffassung – anders ihre Sicherheit machen, intelligenter, selbständiger, menschlicher, tatsächlich schöner.
Ich bin nun einmal der altmodischen, optimistischen Auffassung, daß wir heutigen Menschen unserer Möglichkeit nach aus den Totschlagezeiten der Affen und der wilden Hunde heraus sind. Warum fallen wir aber, und gerade in den politischen Dingen, immer wieder zurück in die alten Affenzeiten?
Wer verführt uns immer wieder zu diesem Rückfall? Und wer läßt sich verführen?
Freilich, eines muß ja wohl ersteinmal geschluckt werden: Nach Auffassung der meisten, auch der meisten intelligenten Leute, hat in den vergangenen zwanzig Jahren nicht fortschrittliche politische Vernunft, sondern hat die Bombe, die blanke Angst vor Massenvernichtung einen dritten Weltkrieg verhindert.
Die Angst vor der Bombe, heißt es, hat uns bisher gerettet. Wir können an dieser weit verbreiteten Meinung nicht einfach vorbei. Sie hat harte Fakten auf ihrer Seite.
Gut. Nehmen wir also mal an, diese Meinung hat recht. Ist das dann aber ein Lob für die Bombe? Eine Rechtfertigung für immer neue Bomben? Keinesfalls. Ganz im Gegenteil. Wenn diese Meinung recht hat, wenn es stimmt, daß bisher der Mensch seine Sicherheit geholt hat aus der Angst vor dem Menschen, dann ist das die Schande, dann ist das die ungewöhnliche Blamage der heute lebenden Menschen.


(Auftaktkundgebung in der Frankfurter Paulskirche: Christian Geissler (links) mit seinem Sohn Philipp und weiteren Rednern. Foto: Anton Tripp, Archiv HH Institut für Sozialforschung)

Denn was ist das für ein primitiver Zustand: Die Angst vor einem weltweiten Massensterben, nichts als blöde, dumpfe Angst voreinander hat uns gehindert, übereinander herzufallen wie tolle Wölfe. Da fragt man sich dann doch: Haben wir Menschen eigentlich inzwischen nichts besseres anzubieten zu unserer gegenseitigen Sicherheit als die Angst voreinander?
Fällt den Köpfen oben in der Macht zum Zwecke der Völkerverständigung wirklich nichts Besseres ein als die Androhung von Massenmord? Was sind das eigentlich für Leute in Ost und West, die insachen Schutz und Sicherheit der menschlichen Gesellschaft nichts Gescheiteres auf die Beine bringen als Bombenterror? Was sind das für peinliche Figuren, denen zum Thema Sicherheit nichts Freundlicheres einfällt als eine exzessive Rüstung zum Zwecke der gegenseitigen Massenvernichtung?
Lassen Sie es mich bitte einmal ganz simpel aussprechen: Ich finde, es vergeht einem langsam aber sicher das Vergnügen, mit einem menschlichen Gesicht herumzulaufen, wenn man sieht, wie unerhört dämlich, wie brutal nach Dschungelgesetzen es zugeht hinter den Gesichtern der Menschen mit politischer Macht.
Sind wir hier in den Straßen, sind wir Leute in den Städten und Dörfern in Ost und West denn tatsächlich Wölfe und Mörder, die man allein noch mit der Angst vor Massenvernichtung zahm halten kann?
Und wenn nicht: Sind wir denn dann schwachsinnig alle zusammen, daß wir es uns gefallen lassen, daß die Mächtigen ein derartig gemeines Bild vom Menschen, also von uns, jahrfürjahr an die politischen Wände malen?
Wir wollen Frieden haben. Und ein langes, freundliches, saftiges Leben. Hüben und drüben. Was haben wir also mit Leuten zu schaffen, die mit Massenmordplänen Politik treiben wollen?
Wer hindert uns eigentlich, unsere freundlichen, vergnügten Pläne durchzusetzen gegen die große Bomben-Verblödung? Wer hindert uns? Wer macht uns schon wieder so traurig und gehorsam?
Darüber muß nachgedacht werden.
Und das eben heißt: Über den Menschen muß nachgedacht werden, über den politischen Menschen heute.
Beim Nachdenken tauchen Fragen auf.

Erste Frage: Wie kommt die zeitgenössische Verelendung, diese schlechte Meinung des Menschen von sich selbst, diese massenhafte politische Ohnmacht und Gleichgültigkeit zustande?
Sie kommt, jedenfalls was uns hier in der Bundesrepublik betrifft, einfacher zustande, als man von oben her glauben machen möchte. Wir haben schließlich die vergangenen zwanzig Jahre mit offenen Augen erlebt. Wir erinnern uns ziemlich genau: Man nehme, so man die materiellen Machtmittel dazu hat, Menschen, ertappe sie bei ihren Schwächen, bei Heilsgeschrei, im Zustande ratloser Gewalttätigkeit, also im Zustande der Verdummung.
Man hindere nun die Ertappten zu lernen, wer und warum wer sie verdummt hat. Man rede ihnen stattdessen von oben her gütig ein, Dummheit, Ratlosigkeit und Gewalt seien bleibende Eigenschaften des Menschen, und die Hoffnung auf gründliche Änderung in dieser Sache sei Anmaßung, sei vorn Teufel.
So etwas ertappten Menschen einreden, macht Menschen gründlich krank, verbreitet Selbstmißachtung und Scham, führt nicht vernünftig vorwärts, sondern nur atemlos abwärts in Feigheit und Kälte und Selbstekelei.
Das sieht zwar nicht schön aus, kann aber für Mächtige sehr wohl von Nutzen sein. Hat man nämlich die Ertappten im Selbstekel weit genug drinnen, dann biete man ihnen, scheinbar nachsichtig und geduldig, den Titel vorn MitIäufer an.
Die meisten werden ihn annehmen. Die Kraft des menschlichen Selbstbewußtseins hat Grenzen. Hunger und Scham machen den Menschen schwach.
Hat aber eine Gesellschaft in ihrer Mehrheit, so wie es unsere westdeutsche Gesellschaft zwischen 1945 und 1950 getan hat, den Titel »Mitläufer« erst einmal akzeptiert, dann werden von nun an ihre Glieder zahm sein wie Kastraten.
Denn wer sich Mitläufer nennen läßt, meine Damen und Herren, – wer sich die eigene Ohnmacht und Angst und Dummheit auch noch amtlich quittieren läßt, und war doch heimlich, im Kleinsten, mit allen anderen zusammen, tagfürtag, Täter ausmißratener Hoffnung und Wut, – wer soviel Selbstbetrug an sich anrichten läßt, um davonzukommen, dem hat man einiges weggeschnitten. Dem hat man vor allem, und zwar gründlich, weggeschnitten das Bewußtsein und den Willen der eigenen Zuständig keit für die öffentliche Sache, für den politischen Bereich überhaupt.
Infam nachsichtig und scheinbar geistvoll hat man den Massen hierzulande immer wieder von oben her gesagt: Seht euch doch an, wie dumm und machtlos ihr alle gewesen seid gegen Lüge, Verrat und Gemeinheit. Seht euch doch eure verbrannten, blutigen Hände an. Seht euch an, ihr Schwachköpfe, was alles einstürzt, wenn eure ungeschickten Hände die guten großen alten Ordnungen anfassen. Hört also auf damit, hütet euch, gebt uns eure Hände, habt Vertrauen. Der Mensch ist schwach allzumal und hinfällig von Natur.
So werden »Mitläufer« gemacht, meine Damen und Herren. So macht man dem Menschen Angst vor dem Menschen.
So macht man ihn zahm.
So klappt die Verdummung, also die Verohnmächtigung, also die Verelendung einer modernen Gesellschaft.
Das Elend ist also kein Wunder. Es kommt aus bestimmten, bestimmbaren Fakten. Wir sollten diese Fakten künftighin bei unserer Arbeit möglichst genau berücksichtigen.

Ich komme zu meiner zweiten Frage: Wem macht so ein Elend Spaß?
Wer den Nutzen hat in so einer Sache, dem macht sie auch Spaß. Wer Macht gewinnt aus so einer Sache, dem macht sie auch Spaß. Denn die materiellen Dinge der Macht und des Nutzens sind insachen Gesellschaft viel wichtiger, weil ursächlich wirksamer, als alle bis eben zitierte Psychologie.
Also: Wer Macht gewinnt, wer den Nutzen hat, wer ist das? Lassen Sie es mich mit der gebotenen Vorsicht so formulieren:
Wer heimlich, hinter verschlossenen Ausschußtüren was vorhat mit Leuten, dem macht es Spaß, wenn andere Leute auf ihr eigenes Vorhaben verzichten.
Wer Lust hat auf pure Macht, auf das Zutrauen aller auf ihn allein, dem macht es Spaß, wenn der Mann auf der Straße sich selbst und seinem Nebenmann nichts mehr zutraut.
Wer Maschinen sein eigen nennt, für die man Leute, die über die Bedienungsvorschrift nicht hinausdenken wollen, gut brauchen kann, damit der Eigentümer allein Macht und Profit aus den Maschinen bekommt, dem macht es Spaß, wenn Leute es aufgeben, in eigener Sache endlich klüger zu werden.
Wer unter Berufung auf Gott über Lust und Leben, Bett und Tisch, Haus und Hof, Ländereien und Großbanken von Knieenden verfügen will, über ihre Gewissen mithilfe ihrer Angst vor dem Tod, dem macht es Spaß, wenn andere ihren Mut und ihre Selbstachtung nicht wiederfinden und ängstlich bleiben.
Und, meine Damen und Herren, wer befehlen will, und sei es zur Verteidigung befehlen will den Untergang unserer Städte und Straßen, dem macht es Spaß, wenn andere auf Öffentlichkeit, auf offene Plätze, auf ihren offenen Platz hier in der Stadt verzichten.
Dummheit, Ohnmacht, Mitläuferei von Massen sind gut für Mächtige, die ihre Macht nicht abgeben wollen an alle. Sie sagen zwar immer wieder väterlich-freundlich, das eben sei ja gerade zugunsten der Massen; es ist aber immer noch zu eigenen Gunsten gewesen.
Das sind Fakten, meine Damen und, Herren, über die wir uns nicht länger wundern sollten. Wir sollten sie vielmehr künftighin bei unserer Arbeit genau berücksichtigen.

Ich komme zu meiner dritten Frage: Welche Mittel gibt es zur Zeit gegen die Ohnmächtigkeit, gegen das Elend der heiteren Verblödung von Massen?
Folgendes muß in dieser Sache zunächst einmal klar sein: Die Mächtigen, die, aus Dummheit oder aus Absicht, das sei dahingestellt, eine ganze Gesellschaft derart haben mißraten lassen, sind nicht etwa mächtig aus Intelligenz, aus Frömmigkeit, aufgrund eines so oder so gearteten Charakters, aus sogenannter Persönlichkeit oder sonstwelchen »inneren Werten«. Alles das kann im Bereich des Politischen nebenher vorkommen, es verursacht aus sich selbst heraus aber keineswegs schon politische Macht.
Hätten wir es insachen Macht mit solchen sogenannten inneren Werten zu tun, dann hätten wir, meine Damen und Herren, ja tatsächlich nur noch sehr wenig zu tun; dann wäre das meiste unseren Händen unzugänglich; dann stünden wir machtlos vor »Schicksal«, »Natur« und »Geheimnis«.
Aber politische Macht hat – dankenswerterweise – andere Ursachen, ist ihrer Herkunft nach ganz und garnicht geheimnisvoll. Politische Macht hat ihre Ursachen in der materiellen Wirklichkeit einer Gesellschaft, zu deutsch: in der sehr greifbaren und also angreifbaren sozialen und ökonomischen Organisation einer Gesellschaft.
Sich diesem Gedankengang verschließen, weil Marxisten ihn gehen, halte ich für unklug. Wirklichkeit leugnen macht dumm.
Diesen Gedanken selbständig weiterdenken, das halte ich für vernünftig, also für notwendig für jeden, der bisher Falsches künftighin richtiger machen will in unserer Gesellschaft .
Demonstrieren auf offener Straße für Abrüstung in Ost und West und für eine neue, endlich vernünftige, menschliche Politik, – das ist wichtig, daran besteht kein Zweifel. Desgleichen: öffentlich den Gehorsam verweigern gegenüber Hitlers Generalen, die heute schon wieder Massenvernichtung ausdenken dürfen, ohne damit sofort vor ein ordentliches Gericht zu kommen, – das ist wichtig, daran besteht kein Zweifel.
Aber beides geht, und das ist unser Dilemma, noch nicht an die Basis des Verkehrten, beides geht noch nicht an die Basis der entmündigenden Machtverhältnisse.
Machen wir uns nichts vor: An die falsche Basis kommt man verändernd nur heran mithilfe von veränderungsbereiten Massen, geführt von einer durchdachten Konzeption, durchdacht anhand genauer Kenntnis der jetzt hier herrschenden materiellen Realitäten. Und wer von uns will leugnen, daß vorläufig ganz und gar die Massen fehlen, die eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung für richtig und wichtig und schließlich für machbar halten? Und ebenso, wer will es leugnen: Vorläufig fehlt doch bei uns auch noch die wirklich zuendegedachte, anwendbare politische Konzeption, die uns vorwärts bringt.
Wer den Mut hat, ohne Selbstbetrug zu prüfen, was heute hier in diesem Landstrich an Apathie, an frecher Ratlosigkeit und mächtiger Dummheit los ist, der lernt, daß wir mit unserem bißchen Mut auf noch weithin undurchschautem gesellschaftlichen Terrain stehen. Die Fakten der Verohnmächtigung, der Verblödung bis oben hin, der Verelendung sind zwar deutlich, aber nicht, wie das funktioniert, also auch nicht, wie das noch gebrochen werden kann.

Können wir dennoch jetzt etwas tun?
Einiges immerhin.
Erstens: Lernen. Zum Beispiel lernen, wie in unserem Land der Mechanismus der glänzenden Verwüstung funktioniert. Was falsch ist, das muß ersteinmal durchschaut werden, bevor Richtigeres gemacht werden kann. Handeln ist manchmal leichter als nachdenken. Aber wir dürfen es uns nicht leicht machen. Das würde nur denen nützen, die uns ein schüchtern wollen, nicht unserer Sache, unserer Gesellschaft.
Zweitens: Was wir jeweils gelernt haben, das sollten wir, so gründlich und so genau organisiert wie möglich weitergeben; also nach draußen hin den gleichgültigen, zynischen, getriebenen Leuten mitteilen, wer und was sie treibt und gleichgültig und zynisch macht.
Drittens: Um diese Mitteilungen von Mal zu Mal wirksam machen zu können, sollten alle, die ein vernünftiges, das heißt ein unbedingt friedliches politisches Ziel haben, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in aller Öffentlichkeit gemeinsam politisch organisieren. Und wenn man uns zehnmal am Tag Kommunisten nennt, weil wir unbedingt eine Politik der Verständigung und des Friedens von den Mächtigen fordern, – diese Forderung soll uns niemand ausreden, denn das ist eine Forderung von Leuten, die Lust haben auf ein langes, freundliches Leben. Und diese Lust ist heute hier bei uns selten genug. Sie muß hartnäckig gegen alle Diffamierungen verteidigt werden.
Viertens: Alle legalen Möglichkeiten des Widerstandes gegen Gewalt und Dummheit jetzt feststellen, bekanntmachen und organisiert anwenden lernen. Was immer jeweils jetzt angemessen und machbar ist.
Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Bonn will man uns, mithilfe der Notstandsgesetze, den freien, politischen Plan verbieten.
Fünftens, schließlich: Nicht den Mut verlieren.
Ich meine den uralten Mut, der von jeher dem Menschen gesagt hat, daß die dummen, schlechten Zeiten ja nicht bleiben müssen, solange lebendige Leute auf dieser Erde herumlaufen.
(Die Rechtschreibung wurde beibehalten)

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