Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

«kamalatta lesen» – Konferenz 5. – 7. November 2020

Literaturforum im Brecht-Haus Berlin
5. – 7. November 2020

 

Der Hamburger Schriftsteller Christian Geissler (1928 – 2008) erlebte als Kind den Faschismus und begann in den 1950er Jahren, die Lehren aus Faschismus und Krieg zu ziehen. Als „junger Wilder“ betrat er 1960 mit dem Roman „Anfrage“ die Bühne des Literaturbetriebs, als politischer Redner engagierte er sich in der Ostermarschbewegung und gegen die Notstandsgesetze. Er war Redakteur der Werkhefte katholischer Laien und des KPD-nahen Kürbiskern, trat der KPD bei und engagierte sich seit 1973 im Komitee gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD mit den inhaftierten Mitgliedern der RAF. Mit seinen hoch artifiziellen und avantgardistischen Romanen wurde er zum Begleiter des politischen Widerstands, mit seinen Dokumentarfilmen zum Chronisten der sozialen Realitäten in der Bundesrepublik. Außerdem schrieb er Fernsehspiele, Hörspiele und Gedichte. Antifaschismus ist das Fundament, auf dem sein ganzes Werk baut. Seine Konsequenz, seine Radikalität und auch seine Zerrissenheit machen sein Werk für all jene interessant, die heute über die Notwendigkeit von Widerstand und Militanz nachdenken.

Mit der Neuausgabe von „kamalatta“ im Herbst 2018 ist Christian Geisslers sogenannte „Trilogie des Widerstands“ – Das Brot mit der Feile“ (1973), „Wird Zeit, dass wir leben“ (1976) und „kamalatta“ (1988) – wieder vollständig erhältlich. „kamalatta“, der oft als Hauptwerk bezeichnete Roman Geisslers, steht an der Schnittstelle zwischen Restaurationserfahrung, Politisierung und Widerstand in den 1950er bis 1970er Jahren auf der einen und dem Scheitern der Kämpfe, erneuter Restauration, einer beinahe trotzigem Verarbeitung der Niederlage und einem Nicht-Aufgeben-Wollen seit den 1990er Jahren auf der anderen Seite. „kamalatta“ als lioterarisches und politisches Ereignis, aktuelle Lesarten und die Relevanz des Romans in gegenwärtigen politischen Diskussionen stehen im Mittelpunkt der Tagung, die gemeinsam vom Literaturforum im Brecht-Haus und der Christian-Geissler-Gesellschaft veranstaltet wird.

Vortragsprogramm der Tagung (Stand Februar 2020):

Gerhard Bauer: „kamalatta“-Sprache oder: die Freisetzung des Intellekts vom „Hofgang unserer Gedanken

Spielerische Auffälligkeiten (Reime, Alliterationen, Lautmalerei, das Spiel mit Zitaten usw.) prägen der Sprache „kamalattas“. Drücken sie lediglich die Lust an der Sprache aus oder bergen sie auf subversive Art nicht auch das Versprechen von Freiheit, Kollektivität und „Leben“ schlechthin; ein Lachen, Träume von Fliegen, Schweben und Tanzen? Unterstreichen sie nicht die eigene Aktivität und Kampfbereitschaft, die Ausdauer und Aggressivität zur Abwehr der unablässigen Aggressionen, ein freies Spiel der persönlichen Pfiffigkeit oder kurz: die Freisetzung des Intellekts vom „Hofgang der Gedanken“?
Dr. Gerhard Bauer ist Professor emeritus für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FU Berlin.

Dirk Brauner: „aufstand der träume“. rocker und das Problem der Gattung in Christian Geisslers kamalatta

Mit der Figur des erblindenden Kleinkindes rocker, das im Traum lacht und mit den Ohren sieht, scheint „kamalatta“ anhand der Frage nach dem Widerstand eine ethische sowie literarische Gattungsproblematik auszuspielen. Wie verhält sich demnach die Gattungsbezeichnung „romantisches fragment“ zu der Ideologie eines ganzen, gesunden Körpers? Inwiefern gehört das Körperfragment des Erblindenden zum Leben im Widerstand? Nimmt rocker sich gar als eine Allegorie von „kamalatta“ aus und ist „kamalatta“ das Traumfragment von einem anderen Leben?
Dirk Brauner ist Doktorand am Lehrstuhl für Westeuropäische Literaturen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Johannes Christof: „gold rollt der vogel pirol“ – Das Vogelmotiv in Christian Geisslers Roman „kamalatta“

Der Roman „kamalatta“ enthält eine erstaunliche avifaunistische Vielfalt, die weit über das konventionelle Vorkommen von Symbolvögeln in der Dichtung hinausgeht. Besonders am Beispiel des Pirols wird die ornithopoetische Dimension des Romans deutlich. Dieser Vogel steht einerseits für die prekäre Lage des schwerverletzten Pauli, dessen Empfindungen zwischen Lust und Angst wechseln; andererseits als rätselhaftes Motiv in der Episode, in der Karst seinen Namen zu Schlosser ändert. Gerade durch diese Ambivalenz erscheinen Vögel wie der Pirol, nicht zuletzt durch ihre für Geissler positiv besetzte „unberechenbarkeit“ als Bild für die Liebe zum Leben.
Johannes Christof hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert und ist Mitarbeiter an der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.

Jan Decker: „kamalatta“ und „Unser Boot nach Bir Ould Brini“: das Motiv des Verstummens als Steigerungsmittel der politischen Wirkungsabsicht

Christian Geisslers Bezugnahme auf die deutsche Romantik schließt auch das Motiv des Verstummens (Erhabenheit des Rückzugs aus einer als enttäuschend erlebten „realen“ Welt, magisches Beschwören einer „anderen Wirklichkeit“) ein. Doch bei Geissler erlebt die Romantik gerade in der Nähe zum Verstummen eine bemerkenswerte politische Umdeutung. Denn paradoxerweise führen Roman und Hörspiel eben nicht zum völligen Verstummen der Figuren, sondern stellen einen neuen Aktionsmodus vor: den gleichen produktiven Trotz, der sich auch in ihrem Sprechen artikuliert, ein literarisch inszeniertes „Abtauchen in den Untergrund“, um sich nach einer Phase der Niederlage neu zu sammeln.
Jan Decker lebt als freier Schriftsteller in Osnabrück.

Detlef Grumbach: Antifaschismus und „realer Sozialismus“ in Christian Geisslers „kamalatta“.

Die Nato-Tagung, die in der Fiktion „kamalattas“ zum Ziel eines Anschlags wird, findet ausgerechnet in einer ehemaligen SS-Junkerschule statt. Ein Mitglied der bewaffneten Gruppe wählt als Nom de Guerre den Namen des kommunistischen Widerstandskämpfers Schlosser aus Geisslers Roman „Wird Zeit, dass wir leben“. Die politischen Kämpfe (nicht nur) in „kamalatta“ wurzeln bei Geissler stets in seiner Erfahrung des Faschismus. Die Lehren, die er daraus zieht, bringen ihn von Beginn an in ein ambivalentes Verhältnis zur KPD und zur DDR. Figuren des Widerstands, Leute aus der DDR und Reisen dorthin spielen stets eine Rolle in seinem Werk, KPD und DKP sind nicht aus den Kämpfen wegzudenken. Und doch gibt es klare Brüche.
Detlef Grumbach lebt als freier Journalist und Literaturkritiker in Hamburg.

Matthias Krumpholz: „Sprache des Widerstands, Sprache des Lernens“ – Versuch einer poetologischen Einordnung zu Geisslers „kamalatta“.

Textgestalt und Sprachstil treten dem Rezipienten im Roman „kamalatta“ zunächst sperrig und hermetisch geschlossen gegenüber. Doch gerade hierin liegen die Eigenarten in der Konstruktion einer Sprache des Widerstands, der es darüber hinaus gelingt, das Weiterdenken und Lernen im Widerständigen abzubilden. Welche poetologischen Ansätze lassen sich aus dieser Konstruktion herausarbeiten?
Matthias Krumpholz ist wiss. Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft, Universität Augsburg.

Ingo Meyer: Widerstand, Befreiung – und Romantik? Über den Ort von Geisslers kamalatta als „romantisches Fragment“ im Diskurs der Gegenwartsliteratur

Seit Willi Winklers „Spiegel“-Rezension von Rainald Goetz‘ Roman „Kontrolliert“ im Jahr 1988 diskutiert die Germanistik den Konnex von Gegenwarts- oder gar Pop-Literatur und Romantik; eine Debatte, die ihre Willkür oftmals nur schlecht verleugnen kann. Sehr viel naheliegender – aber auch rätselhafter – ist Geisslers explizite Indienstnahme romantischer Stil- und Denkfiguren bereits im Untertitel seiner Auseinandersetzung mit möglichen Lebensformen des Widerstands in kamalatta. Was aber steht in diesem Roman tatsächlich in romantischer Tradition, einer Epoche also, deren Vieldeutigkeit zwischen politischer Reaktion und ästhetischer Progression mit ihrer expansiven Erforschung während der letzten Jahrzehnte eher zuzunehmen scheint?
Dr. Ingo Meyer ist Priv.-Dozent und lehrt am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt.

Sabine Peters: Wege der Wünsche. Umwege, Irrwege und Suchwege in „kamalatta“

Viele Figuren in „kamalatta“ bestehen auf der mal schweren, mal beglückenden, aber immer eindeutigen Entscheidung für eine Arbeit, einen Menschen, ein Ziel. Doch manchmal sind gerade Umwege und Inkonsequenzen der Ausdruck von Humanität und Freiheit. So gewinnen tapp, karst, feder oder andere ihre Stimmigkeit und Würde aus unvorhersehbarem Verhalten. Vielleicht sagt das „romantische fragment“ in Gänze das, was Christian Geissler an einen Genossen schrieb, „ich will mich wirklich hindern, das Einzige zu tun, wenn ich doch tatsächlich alles meine“.
Sabine Peters lebt als freie Schriftstellerin und Literaturkritikerin in Hamburg.

Jochen Schimmang: Das richtige im Leben im falschen?

„Leben“ ist in „kamalatta“ der Begriff mit dem emphatischsten Wert. „es geht um leben“, „mühe ums leben“: Wendungen, die immer wieder auftauchen. So oft aber „das Leben“ herangezogen und dem „Pack“ entgegengehalten wird, so schwer fassbar und so vielschichtig in seiner Bedeutung ist der Gebrauch des Wortes in diesem Roman. „im fratzenleben gibt es kein schönes leben“, sagt Proff zu Juli. An mehreren Stellen wird der Diskurs darüber geführt, in verschiedenen Variationen und mit deutlichem Bezug zu Adornos berühmtesten Satz.
Jochen Schimmang lebt als freier Schriftsteller und Literaturkritiker in Oldenburg.

Jan Hendrik Schulz: Kontinuum der Solidarität. Christian Geissler und die Hungerstreiks der RAF

Das Gefängnis und der Widerstand hinter Gittern sind zentrale Leitthemen in Christian Geisslers Werk – nicht nur in „kamalatta“. Geissler agierte bereits seit Anfang der 1970er Jahre als Linksintellektueller im politischen und sozialen Umfeld der Inhaftierten der RAF. Unter anderem beteiligte er sich in der Gruppe der „Angehörigen der Politischen Gefangenen in der BRD“, die eine bemerkenswerte Kontinuität in ihrer solidarisch-politischen Unterstützungsarbeit für RAF-Gefangene bis in die 1990er Jahre beweisen konnte. Die biographische Rolle von Geisslers radikalem Engagement stellt besonders mit Blick auf sein Selbstverständnis als politisch intervenierender Intellektueller im Kontext der kollektiven RAF-Hungerstreiks ein Desiderat dar. Es ist an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.
Dr. Jan Hendrik Schulz ist wiss. Mitarbeiter Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg.

Cornelius Schwehr: Musik in der Sprache, Sprache als Musik

 „in stummer ruh
nur zu nur zu“
Über Musikalität in den widerständigen Texten Christian Geisslers an Beispielen aus „kamalatta“ und „aus den kamalattanischen liedern“
Cornelius Schwehr ist Professor emeritus für für Komposition, Musiktheorie und Filmmusik an der Musikhochschule in Freiburg.

Klaus Weber: „dem schlachthaus die stirn: die liebe“. Christian Geisslers Menschenliebe von „kalte zeiten“ bis „kamalatta“

 Christian Geissler kommt den Menschen nahe und ihnen auf die Spur; ohne zu vergessen, in welchen Zwängen, Verhältnissen und Bedrückungen sie leben. Und gleichzeitig zeigt er in seiner „Literaturarbeit“, dass ein Gegenmodell zur kalten, weißen Gesellschaft der Menschenverwertung im Kapitalismus möglich ist; jetzt als Vorschein und zukünftig real für alle im Kampf, oder besser: in der Arbeit, in einer Arbeit, die ohne Liebe nicht geht: „arbeiten […] aus wirklichem am wirklichen wissentlich in liebe – gegen blutzuber, treibeis und intimspray“.
Dr. Klaus Weber ist Professor für Sozialpsychologie an der Hochschule für angewandte Sozialwissenschaften in München.

Markus Wiefarn: Mit der Sprache kämpfen. Christian Geisslers „kamalatta“ und Rainald Goetz‘ „Kontrolliert“

Bei aller Unterschiedlichkeit dieser beiden 1988 erschienenen Texte ist ihnen gemeinsam, dass sie im Abstand von einem Jahrzehnt zum sogenannten ‚Deutschen Herbst‘ einen eigenständigen und eigensinnigen literarischen Zugang zur RAF und ihrer Geschichte suchen und sich dabei intensiv mit der ‚Sprache der RAF‘ auseinandersetzen. Die politische Gretchenfrage nach der „Treue zum Ereignis“ (Alain Badiou), nach Solidarisierung und Distanzierung, wird in „kamalatta“ und „Kontrolliert“ vornehmlich als eine Frage der Sprache verhandelt, wobei zu untersuchen ist, auf welche Weise in den beiden Texten Sprache einerseits als Kampfmittel in politischen und ästhetischen Auseinandersetzungen und anderseits als Ausdruck der „Mühe ums Leben“ fungiert.
Dr. Markus Wiefarn ist wiss. Mitarbeiter am Institut für Deutsche Philologie der LMU München.

Das Programm der Abendveranstaltungen folgt in Bälde.

 

Die Konferenz wird gefördert durch

 

 

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