Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Jean-Jacques Volz ist gestorben

„die üppigkeit einer reduktion ins ganze: die aufdeckende zurückführung des wirklichen zu sich selbst – das ist die schönheit (und auch: der witz im strengen moment).“ (Christian Geissler über Jean-Jacques Volz)

„Jean-Jacques Volz hat uns verlassen. Wir sind sehr traurig.“
Das teilte die Familie des Schweizer Anarchisten und Holzschneiders zu Beginn des Jahres mit. Er starb am 26. Dezember im Alter von 92 Jahren. Auch wir vermissen ihn sehr – er war für uns mehr als ein Freund.

Mit Lutz Schulenburg, Hanna Mittelstädt und der Edition Nautilus kam Jean Jacques Volz Anfang der neunziger über die verlagseigene Zeitschrift „Die Aktion“ zusammen, für deren Ausgaben er im Laufe der Jahre jede Menge Holzschnitte beisteuerte, der erste Abdruck erfolgte (ganz klein und in schwarz-weiß) im Heft 86/88 im Februar 1992, später entfalteten die Abdrucke eine stärkere Autonomie. Der Kontakt hatte mit der Bestellung eines Förderabonnements 1990 begonnen. Auch dieser erste Brief war, wie alle folgenden, unterzeichnet mit: „Es lebe die Freiheit! Es lebe die Liebe! Es lebe die Poesie!“ In den nächsten Jahren besuchte Jean-Jacques den Verlag in Hamburg, wenn er auf dem Weg nach Schweden war, wo er eine Zeit lang ein Atelier hatte. Später Hanna und Lutz ihn in Schaffhausen in seiner Werkstatt, die wie ein Rudiment aus einer anderen Welt war, die der fast verborgenen, schon fast verschwundenen Holzschneider-Kunst. Die Nautilus-Verleger und Jean-Jacques teilten ihre Begeisterung für die Surrealisten und Situationisten, insbesondere für Asger Jorn und dessen radikale Kunst im Schnittpunkt von Poesie, Volkskunst, Revolution und Farben. Einer der farbigen Holzschnitte, die in der Verlagsbibliothek hängen, ist mit einem Zitat Raoul Vaneigems signiert: „Wer zögert, den Brand, der ihn verzehrt, von sich zu schleudern, dem bleibt nur die Wahl zu verbrennen.“ In dieser zarten und stets freundlichen Person Jean-Jacques steckte offenbar ein brennender Kern … Auch ein anarchistisches Großprojekt der Edition Nautilus, die Durruti-Biographie von Abel Paz, unterstützte Jean-Jacques mit einem Holzschnitt, der dann einer „Luxusausgabe“ beilag. Das half, die immensen Druckkosten zu stemmen.

„Die Aktion“ Nr. 216/2009 mit einer Titelgrafik von Jean-Jaques Volz und die Vorzugsausgabe von „Wird Zeit, dass wir leben“

Wann Jean-Jacques und Christian Geissler sich kennengelernt haben, wissen wir gar nicht. Vielleicht war es bei einem der Verlagsfeste der Edition Nautilus Anfang der 1990er Jahre. Zwischen beiden, beide Jahrgang 1928, hat sich eine enge Freundschaft und auch Zusammenarbeit entwickelt. Zwei bibliophile Bücher haben sie gemeinsam gemacht – Gedichte Christian Geisslers mit Holzschnitten von Jean-Jacques Volz: „Schwarzdeutsch“ (2006) und „aus den klopfzeichen des kammersängers“ (2008). Auch nach dem Tod von Christian im Jahr 2008 kam Jean-Jacques in die Böckmannstraße, wenn er bei der Edition Nautilus in Hamburg war. Am Küchentisch von Sabine Peters entstand bei einem solchen Besuch auch die Idee, jeweils eine Vorzugsausgaben mit Originalgrafiken eines Künstlers zu den Neuausgaben von Christians Bücher zu produzieren. Als die Werkausgabe 2012 mit dem „Roman „Wird Zeit, dass wir leben“ gestartet wurde, lag der Vorzugsausgabe von 20 durchnummerierten Exemplaren ein farbiger Holzschnitt von Jean-Jacques bei.

Jean-Jacques, wir denken an dich!

Hamburg, 12. Januar 2021

Hanna Mittelstädt (Edition Nautilus) & Detlef Grumbach (Christian-Geissler-Gesellschaft)

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