Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Jahresgabe 2018 – «hier kriegt einer blumen, nicht knast»

Die Jahresgabe 2018 der Christian-Geissler-Gesellschaft ist fertig!

Im Jahr der Neuausgabe von „kamalatta“ (erscheint im November) präsentieren wir zunächst die recht kurze Dankesrede für den Preis, den Christian Geissler dafür erhalten hat.
Wir ergänzen diese Rede um die sechs Jahre später gehaltene Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den Geissler für sein Hörspiel «Unser Boot nach Bir Ould Brini» (1993) erhalten hat. Zwischen beide Reden fiel das Ende des Sozialismus, die historische Niederlage der Linken. Sie bilden ein Spannungsverhältnis und geben ein Bild davon, wie dramatisch sich die Situation Geisslers verändert hat.

Wer sie bekommen möchte – ganz einfach: Eine Spende auf das Konto der Christian-Geissler-Gesellschaft (DE15 5206 0410 0006 4449 97) und eine Mail mit der Postanschrift an info@christian-geissler.net!

Und hier ein Auszug aus der Einleitung:

Christian Geissler gehört nicht zu den Autoren, die mit Preisen überhäuft wurden. Geissler war erfolgreich. In allen Genres, die er bediente, fand er Beachtung. Sein erstes Hörspiel wurde 1956 gesendet, sein erster Roman erschien 1960, sein erster Fernsehfilm wurde 1962 gesendet. Heinrich Böll, Ralph Giordano, Marcel Reich-Ranicki besprachen seine Bücher. Sein literarisches Debüt wurde in neun Sprachen übersetzt, Walter Jens rezensierte einen Panorama-Beitrag in der «Zeit». Geisslers klare Haltung zur Zeit des Nationalsozialismus, seine Positionen gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und die Notstandsgesetze, vor allem auch seine Sprache, mit der er sein Publikum berührte, machten ihn zu einem gefragten Redner auf Kundgebungen und Demonstrationen (siehe Jahresgabe der Christian-Geissler-Gesellschaft 2017). Doch die kritische Haltung und die Rigorosität, mit der Geissler seine Themen anging, machten ihn nicht zum Liebling des Kulturbetriebs. Erste Auszeichnungen erhielt er 1960 und 1964 in Italien – dort wehte ein anderer Wind.

[…]

Als die Autorin und Verlegerin Irmgard Heilmann (1914 – 1993) ihre Stiftung im Oktober 1988 errichtete, hatte sie ihre verlegerische Arbeit längst aufgegeben. Doch ein Jahr zuvor waren ihre Kindheitserinnerungen «Aylsdorfer Kirschkuchen. Sächsisch-thüringische Erinnerungen» über die Jahre 1923 bis 1925 erschienen. Für sich selbst als Autorin und für dieses Buch wünschte sie sich Anerkennung und Aufmerksamkeit – das war, so erinnern sich Zeitzeugen, ein Ziel, dass sie mit ihrer Stiftung verband.

Diese Rechnung ging mit der Preisverleihung an Christian Geissler nicht auf. […] Vertreter der besetzten Häuser in der Hamburger Hafenstraße erschienen zahlreich, bedienten sich am Sekt und am Buffet und sorgten für den Unmut von Irmgard Heilmann und den Honoratioren. Und der Preisträger sorgte seinerseits durch seine Dankesrede für die nötige, allerdings eher politisch motivierte Aufmerksamkeit. […]

Für Christian Geissler war der Irmgard-Heilmann-Preis deshalb wichtig, weil es die erste Ehrung für sein literarisches Werk in Deutschland war – und dann auch noch für sein Opus magnum «kamalatta». Aus der Perspektive des Deutschen Herbstes, des Scheiterns des bewaffneten Kampfes in der Bundesrepublik also, hatte er den großen Versuch unternommen, die zersplitterten Fraktionen der Linken – einschließlich der Roten Armee Fraktion – in einem Zusammenhang zu denken und die Frage zu stellen: Was haben wir falsch gemacht? Schon seit 1973 kämpfte er für das Ende der Isolationshaft für die Gefangenen der RAF in deutschen Gefängnissen, organisierte Solidarität, besetzte mit Angehörigen der Häftlinge 1981 die Kantine des Magazins Der Spiegel, um die nötige Aufmerksamkeit zu erzielen. Als finanzielle Unterstützung dieses Kampfes deutete Geissler das Preisgeld in seiner Dankesrede im Spiegelsaal des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe am 1. Dezember 1988 um. «10 monate arbeit, essen und wohnen, ohne angst vor der bank» ermöglichten ihm selbst literarische und politische Arbeit. Aber er ging einen Schritt weiter: «gleich will ich 3000,- weiterschicken an die, die den kampf in den knästen unterstützen, die draußen arbeiten, im antiimperialistischen, also in eines jeden menschen interesse.»

[…]

In seiner Dankesrede für den Höspielpreis der Kriegsblinden schlug er am 24. Juni 1994 in Bonn andere Töne an. An seiner rigorosen Analyse der bundesrepublikanischen Verhältnisse hatte sich nichts geändert, in Anwesenheit des Bundesarbeitsministers Norbert Blüm sprach er «Sätze ins Mikrophon, die manchen Zuhörer immer unbehaglicher auf dem Sitz hin und her rutschen lassen: Ausgerechnet im Plenarsaal des deutschen Bundesrats bezeichnet Christian Geissler die Anfänge der Bundesrepublik als ‹Zusammenrottung› vieler alter Nazis», so berichtete die Süddeutsche Zeitung von der Preisverleihung. Doch eine kämpferische Geste unterblieb. Angesichts der desolaten und gefährlichen  Situation der RAF-Häftlinge und eines beinahe 20jährigen vergeblichen Kampfes für humane Haftbedingungen in den Knästen verlegte Geissler sich aufs Bitten.

[…]

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