Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Ende der Anfrage (1966)

Ende der Anfrage
Buch: Christian Geissler Regie: Lothar Bellag, 41’13″
DFF (Fernsehen der DDR) 1966, Erstsendung 13.3.1966

Die Reportage entstand im Auftrag des “Stern”, wurde dort aber nicht gedruckt. Dann wurede sie als Hörfunk-Reportage vom SWF produziert, aber von Programmdirektor Günter Gaus kurzfristig abgesetzt. Gedruckt wurde sie schließlich in den “Werkheften katholischer Laien”, später in „Plage gegen den Stein“. Geisslers Kontakte in die DDR – Alfred Kurella war sein Onkel – mögen ihm die Nöglichkeit eröffnet haben, die Reprtage fürs DDR-Fernsehen in Szene zu setzen.

Es gibt das Gerücht, dass in einem Behindertenheim in Österreich (Schloss Hartheim bei Linz, Vernichtungsanstalt für Behinderte und später politische Gegner, 35.000 Tote) während der Nazi-Zeit junge SS-Männer im Rahmen der Euthanasie-Programme eingesetzt wurden, um ihnen die Scheu vor dem Töten zu nehmen, dass das Heim also eine „Mörder-Schule“ war. Geissler fährt hin, gibt sich als Bruder eines SS-Mannes aus und fragt nach, trifft auf Vergessen, Totschweigen, Nichts-gewusst-haben, und dann doch auf gute Erinnerung: die haben alle etwas gewusst, sind aber abgestumpft und finden das „in Ordnung“, der Pfarrer beschwert sich nur, dass der Jude Wiesenthal alles wieder hochwirbelt.

Das Ergebnis: Eine Mörderschule war es nicht. Das eigentliche Ergebnis der „Anfrage“ ist aber die Stimmung im Dorf, die Macht der Kirche. Geisslers Schlussfolgerung: Die Leute sind dadurch verdorben, dass sie in Ohnmacht und klein gehalten werden und eher an der eigenen Vernunft zweifeln als an der der Herrschaft.

Zitat: „Wer sich an Siemens und Springer gewöhnt hat, den ficht weiteres Elend einstweilen nicht an, der sitzt kettenfest in den komplizierten Mechanismen der Blendung, der ist in ‘Ordnung’, so wie die Hartheimer samt und sonders in Ordnung sind, in der Ordnung eines verdorbenen Landes. Vom Nationalsozialismus verdorben? Das ist das übliche Alibi. Nein. Verdorben von einem die vernünftigen Impulse des Menschen lähmenden Bewusstsein der Ohnmacht. Der Nationalsozialismus war lediglich eine der möglichen Folgeformen dieser Verohnmächtigung des Menschen. Wir werden, wenn alles so bleibt, neue, fürchterliche Folgeformen erst noch kennenlernen.
Wenn alles so bleibt?
Das ist jetzt unsere Sache.
Keiner von uns hat viel Zeit.“

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