Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Ein Jahr Knast (1971)

Ein Jahr Knast, Teil 1, Sozialreport,
B/R: Christian Geissler, Hajo Dudda, Lothar Janssen,
NDR 1971, Erstsendung 8.1.1971

Ein Jahr Knast, Teil 2, Sozialreport,
B/R: Christian Geissler, Hajo Dudda, Lothar Janssen,
NDR 1971, Erstsendung 12.1.1971

Ein Jahr Knast, Teil 3, Sozialreport,
B/R: Christian Geissler, Hajo Dudda, Lothar Janssen, 42’13″,
NDR 1971, Erstsendung 15.1.1971

Die dreiteilige Dokumentation begleitet den Reform-Knast im Jugendstrafvollzug in Vierlande. Der Knast wurde 1970 für 12 Millionen DM neu gebaut – für 265 Strafgefangene zwischen 14 und 24 Jahre. Jan Braden (41), ehem. Jugendrichter, übernimmt die Leitung, um dort neue Konzepte der Erziehung, Bildung und Resozialisation zu verwirklichen. Zunächst muss er erkennen, dass das Gebäude sich dafür wenig eignet, aber: Nicht das Gebäude, die Menschen machen den Vollzug Dann scheitert er an seinen Mitarbeitern (die alten arbeiten gegen ihn, es gibt nur 1 Psychologen, 3 Lehrer, 3 Sozialpädagogen, den jungen und auch ihm fehlen die praktischen Erfahrungen), der Behörde und den Gefangenen. Trotzdem erreicht er ein bisschen.

Teil 1: Der Auszug der Gefangenen aus ihren „alten“ Haftanstalten“, ihre Erwartungen an die neue und den Einzug. Gefangene sind skeptisch, es ist ihnen schon viel versprochen worden, Schulabschlüsse in Haft usw., aber nichts wurde gehalten. Der Gefängnis-Posaunenchor Fuhlsbüttel probt für Einweihungsfeier des noch leeren Knasts: „Wohlauf in Gottes schöne Welt“. Braden: Bei allem was wir tun, ist das Maß der Gefangenen. Gespräche mit ihnen über ihre Erfahrungen, was die Gesellschaft ihnen bietet: Sinn, Drogen? Was ist der Sinn des Lebens? Häftlinge: Die draußen, Eltern, Lehrer, leben doch gar nicht. Sind immer hinter irgendetwas her, deshalb haben sie so Angst vorm Tod, weil sie am Ende feststellen, noch gar nicht gelebt zu haben. Die hoffen beim Sterben noch auf ihr Leben. Da finden sich im Originalton klare Formulierungen, die sich im Roman „Wird Zeit, dass wir leben“ wiederfinden.

Teil 2: Wechsel der „Reporter-Perspektive. O-Ton: „Wir hatten einen Prozess protokollieren wollen und stellten dann fest, dass wir selbst schon Teil dieses Prozesses geworden waren.“
Gefangene fordern Stationssprecher, Wochenenden gemeinsam zu verbringen, weil sonst der Frust hoch kommt und nur alles zerkloppt wird. Sie fordern, dass das Programm „Erziehung zur Selbstständigkeit draußen“ eingelöst wird und scheitern an den bürokratischen Vorschriften. Es kommt auch zu Selbstverletzungen, nur um raus zu kommen. Aber: kleine Fortschritte in einem zähen Prozess werden gesehen. Resümee: Krasser Widerspruch zwischen Erwartungen und Realität: Man kann die Häftlinge nicht zu Selbstständigkeit und Verantwortung ermutigen, wenn man Angst vor den Folgen hat.

Teil 3: Die Ankündigung: Wir zeigen das Scheitern. Die Reform stockt wegen struktureller Probleme mit der Hierarchie (Behörde, Mitarbeiter, Braden steht immer zwischen den Fronten. Aus dem „Erziehungsprogramm“ werden Rollenspiele gezeigt: Situation vor Gericht, bei Kündigung in der Firma, usw. Hier zeigen Gefangene auf sehr komische Weise, was sie von der Gesellschaft begriffen haben. Am Ende Entlassungen aus dem Knast, eine Runde von Ex-Knackis in Kneipe.
Dem Reformknast wird der Geldhahn zugedreht. Die Reform ist gescheitert.

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