Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Der Schahbesuch 1967 im “Brot mit der Feile”

Als bei der Anti-Schah-Demo am 2. Juni in Berlin Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde, war Christian Geissler in München. Dort demonstrierten die Stundentinnen und Studenten am 5. Juni . Geissler hielt eine Rede, die wir hier ebenfalls dokumentieren.

Auch in seinem Roman “Das Brot mit der Feile” hinterlässt der Schahbesuch seine Spuren – hier in Hamburg. Der Roman erzählt vom politischen Aufbruch in den 1960er Jahren. Ahlers, seine Hauptfigur, hat nach geschmissener Lehre, Bund und Knast eine Stelle als Taxifahrer beim Gangsterboss Klinsch. Er steckt mit seinem Wagen im Zentrum des Geschehens. Hier ein kleiner Ausschnitt. Macht Hunger auf mehr. Hoffentlich. Also ab in die nächste Buchhandlung. :-)

“Das Brot mit der Feile”, mit einem Nachwort von Ingo Meyer. Verbrecher Verlag 2016, Seite 339 f.

Roman-Auszug:

Aber im Laufe des Tages zogen sie viertausend Mann Polizei in der Stadt zusammen für diesen Obereumel aus Persien und seine Schnalle aus Neue Revue*, Flughafen elf Uhr zwanzig, Rathaus halb eins, bei drei über Ballin und Esplanade, Gorch Fock und Bismarck nach Landungsbrücken, und um vier Uhr kurz Flugzeugbau Finkenwerder, bei halb fünf die Schnellboote Teufelsbrück, und abends noch eben Staatsoper Dammtorstraße, Todeswalzer statt Auf in den Kampf, aber Ossi mit seiner Verbrechermütze hätten die Perserbullen aus Alsterdorf sowieso da nicht zwischen gelassen, weil die oben, die tun für die oben alles. Mit Maschinengewehren auf Dächern, mit Gabelstaplern gegen dein Auto, mit Bullenhubschraubern Plätze beschatten, Bahnkörper und Balkons, und extra damit nach Lübeck noch hingehuscht, für die Edelmieze die Edelsteinpuderdose zurückgeholt, die sie im Scheißhaus vergessen hat, und in Finkenwerder mit Froschmännern gegen Haftminen, und mit Vor-Zug mit Lokführer Griener gegen Sprengkörper auf der Strecke nach Lübeck über Bad Oldesloe, und mit sonst noch was gegen sonstwas, gegen jeden hier, gegen uns, gegen wen, egal, keine Ahnung.

Sowieso alles reichlich knapp Ahnung, die Jungs. Ahlers stand jetzt mittendrin, Stephansplatz, Demonstration gegen Reza Pahlavi.

Er hätte da gar nicht bleiben müssen mit seinem Wagen, aber er dachte, er wollte, er meinte, dass er da eingeklemmt war in der Klemme bei tausend Leuten, was willst du machen, wo kann ich hier raus, wohin denn und wo bin ich selber. Und auch wieder alles ganz flott hier, soweit. In Kleine und Große Theaterstraße, Drehbahn und Dammtorwall alles voll Bullen gestopft, Silberlitze und Flattermann, Waffen und Wagen, Knüppel und Sprechfunk und Pferde, »rechne ab Mittag mit Hindernissen«, hatten die Schweine im Bildhoroskop heute Morgen für ihn geschrieben, »nicht impulsiv handeln«, stand da, und sicher nicht nur für ihn, »und Streit vermeiden und um nichts kümmern, was dich nicht angeht«.

Ihn ging das aber was an, erst so und dann so und dann so, und dann plötzlich endgültig Nein.

Erst nämlich, dass er das gut fand: Die Lederleute, die hatten Angst, und die andern, die hatten keine, die hatten sogar manchmal Kinder dabei, so Kinder wie damals Tini und John, Sprechtüten, Mozart und Schienbeintreten und schön, dass wir noch nicht tot sind …

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