Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

“Der Radikale” – Einleitung

Die politische Zeitenwende 1989 hatte ihre Auswirkungen auch auf den Literaturbetrieb. DDR-Autorinnen und -Autoren, die zuvor in der Bundesrepublik hofiert wurden, trugen plötzlich den Makel, sich in der DDR arrangiert oder sogar mit dem System paktiert zu haben. Viele von ihnen wurden marginalisiert. Ein ähnliches Schicksal erfuhren westdeutsche linke Autorinnen und Autoren, die sich plötzlich auf der Verliererseite der Geschichte wiederfanden, Alt-68er, Autorinnen und Autoren, die den politischen Aufbruch der 1970er-Jahre verkörperten und die sich damit konfrontiert sahen, dass sie einem falschen Ideal, einem politischen Irrtum aufgesessen sein sollten. Christian Geissler (1928-2008), der 1960 als junger Wilder die Bühne der Literatur betreten hatte und von schon damaligen Größen wie Heinrich Böll oder Marcel Reich-Ranicki besprochen wurde, dessen Debüt „Anfrage“ in neun Sprachen übersetzt und der bis 1967 auch in der DDR verlegt wurde, war schon in den 1980er-Jahren weitgehend isoliert. Er gehörte zu den wenigen Autoren, dessen Widerständigkeit sich nicht in der Wahl der Themen oder den vertretenen Thesen erschöpfte, sondern praktisch gelebt wurde und sich in die Sprache eingeschrieben hat. Spätestens mit Erscheinen seines Romans „kamalatta“ (1988) hatte er sich weit vom konventionellen Literaturbetrieb entfernt. Mit seinem Spätwerk – ohne den Resonanzraum einer politischen Bewegung, begab er sich beinahe vollständig in ein Abseits. Im Vorfeld des Jahres 2007, der dreißigsten Wiederkehr des Deutschen Herbstes, haben sich Geissler und einige Freunde bemüht, einen Verlag für eine Neuausgabe von „kamalatta“ zu finden – vergeblich. Geissler war zu diesem Zeitpunkt ein nahezu ungekannter Autor, für den sich nur noch wenige Wegbegleiter interessierten.

Das sind – grob skizziert – die Voraussetzungen, unter denen 2012 die Christian-Geissler-Gesellschaft gegründet wurde. Es geht ihr darum, Geissler und sein Werk wiederzuentdecken: als literarisches Zeugnis politisch-widerständiger Bewegungen der 1960er- bis 1990er-Jahre genauso wie als Beitrag zu gegenwärtigen literarischen und politischen Diskussionen. Die Rahmenbedingungen dafür scheinen günstiger zu werden; das Interesse an politischer Literatur wächst wieder. Der Verbrecher Verlag hat eine Werkschau Geisslers begonnen, die Romane „Das Brot mit der Feile“ (1973) und „Wird Zeit, dass wir leben“ (1976) liegen in Neuausgaben mit ausführlichen Nachworten von Ingo Meyer und Detlef Grumbach vor, ebenso eine Ausgabe des Fernsehspiels „Schlachtvieh“ (1963) und der Erzählung „Kalte Zeiten“ (1965) mit einem Nachwort von Michael Töteberg.

Vom 6. bis 8. Oktober 2016 hat in Berlin unter dem Titel „Christian Geissler – Literatur als Grenzüberschreitung“ eine Tagung stattgefunden, veranstaltet vom Literaturforum im Brecht-Haus und der Christian-Geissler-Gesellschaft, mit finanzieller Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Literaturmuseen (ALG) sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Ihr Ziel war es, jene Leute, die sich aus alter Verbundenheit und aus neu gewecktem Interesse mit Geissler beschäftigen, in einen Austausch zu bringen, eine neue Debatte über sein Werk und seine Bedeutung hier und heute auszulösen.

Christian Geissler wurde 1928 in Hamburg geboren. Als Kind erlebte er den Nationalsozialismus. Der Vater, Bauunternehmer, Mitglied und kleiner Funktionär der NSDAP, steckte ihn in eine HJ-Uniform. Die Mutter hatte polnische Wurzeln, der Sohn begleitete sie zum Bahnhof Dammtor, wo sie sich von ihren jüdischen Freunden verabschiedete, die das Land noch früh genug verlassen konnten. Geissler stand zwischen den Eltern. Er wurde als Flak-Helfer eingezogen und desertierte kurz vor Kriegsende. Das hört sich verwegen an, geschah aber unter Anleitung des Flugabwehradjutanten Hermann Ehlers, der 1949 für die CDU in den Bundestag einzog und von 1950 bis 1954 dessen Präsident war. Ehlers wollte nicht mehr verantworten, wie Kinder im letzten Aufgebot verheizt wurden. Sehr viel später erfuhr Geissler vom Schicksal seiner beiden Onkel Alfred und Heinrich Kurella: Die beiden Kommunisten waren während des Nationalsozialismus ins Exil nach Moskau gegangen. Heinrich wurde dort im Zuge der stalinistischen Säuberungen im Oktober 1937 erschossen. Sein Bruder Alfred duckte sich weg, muckte nicht auf, kehrte 1954 in die DDR zurück und wurde dort führender Kulturfunktionär. Was für einer Partei hatten die beiden angehört?

In einem ausführlichen Interview erzählte Geissler von seinem Wunsch von Kindheit an, dazugehören. Dazugehören? Wozu? Geissler war ein Zerrissener, aber kein Haltloser. So unnachgiebig und hart er in politischen Debatten sein konnte, so offen und interessiert an anderen Menschen, so zart und liebevoll war er im persönlichen Umgang, so zerbrechlich wirkte er beinah. „Die Liebe zum Leben“ hat ihn zum Kommunisten werden lassen. Nach der Zeitenwende 1989 fügte er seinem Autorennamen ein „(k)“ hinzu, als Zeichen, dass er es blieb. Auf der einen Seite die Ohnmacht, gegen die Verhältnisse nichts ausrichten zu können. Auf der anderen Seite das Festhalten daran, als Individuum frei und verantwortlich zu sein, der Traum davon, dass die Befreiung des Menschen doch noch gelingen kann. Gewalt, Verstummen, das Suchen nach Worten, Sprechen – das sind Motive und Kern seiner literarischen Arbeit. Seine Sprache widersteht dem Eingängigen, öffnet neue Räume, fordert eine Haltung heraus.

Nach dem Krieg war Geissler zunächst ziemlich ratlos, er suchte nach Erklärungen, wie es zu Faschismus, Holocaust und Krieg kommen konnte. Er studierte, jobbte, und er fing an zu schreiben. Auf einige Hörspiele („Eine alte Frau geht nach Hause“, WDR 1956; „Es war ganz einfach Liebe“, WDR 1957; „Träumen ist billiger“, WDR 1957; „Die Kinder von Gallatin“, WDR 1957 und „Urlaub auf Mallorca oder Der Tod des Dr. Stein“, BR 1958 ) folgte 1960 sein Roman „Anfrage“: Ein junger Mann blickt zurück auf die Nazizeit. Er arbeitet als Assistent im Physikalischen Institut der Uni und recherchiert die „Arisierung“ des Gebäudes, in dem es untergebracht ist. Er will herausbekommen, wer mitgemacht und von der Judenverfolgung profitiert hat, wie sich die Schuldigen in der Nachkriegsgesellschaft um ihre Verantwortung drücken. „Wo war Ihr Herr Vater am 9. November 1938, nachts?“ – so genau will sein Protagonist Köhler es wissen. „Wie ‚nachts‘? Was war damals nachts?“ , antwortet die ahnungslose Institutssekretärin – da sind Geissler und sein Protagonist mitten in ihrer Gegenwart. Die Väter stehlen sich aus der Verantwortung, ihre Kinder wissen von nichts. Geissler im Rückblick:

„Wenn du den Faschismus erlebt hast als Vorbewusster oder als Jugendlicher und nun erfuhrst oder die Summe gezogen hast, was ist das für ein Unrecht gewesen, dann musste ich mich fragen: Woher kommt das denn? Woher kommt das denn? Das kommt doch nicht vom Himmel. Die Schweinerei kommt doch nicht vom Himmel. Auschwitz kommt doch nicht vom Himmel. Wo kommt das her? Und nicht nur Auschwitz. Sondern Plötzensee. Das kommt doch nicht vom Himmel. Und so war der Anlass gegeben, ich muss rausbekommen, warum Mengen von Menschen, Massen von Menschen mit mir zusammen in dieser ganzen Zeit doch mitgemacht hatten. Und viele hatten es doch schön gefunden. Ganz viele deutsche Menschen haben doch den Faschismus schön gefunden. Da war ich ja nun selber dabei. Ich wollte wissen, wo kommt es her, und habe angefangen zu fragen. Los, lass uns reden. Das war die ‚Anfrage’.“

„Man wartete auf einen Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung, der Schande und der Empörung“, schrieb Marcel Reich-Ranicki in seiner Rezension in der „Zeit“ und bescheinigte der jungen Deutschen Nachkriegsliteratur, angesichts dieser Erwartung versagt zu haben: „Die neue deutsche Literatur hat ihre moralische Hauptaufgabe bisher nicht zu lösen vermocht.“ Vor diesem Hintergrund stellte er die Bedeutung von Geisslers Debüt heraus: „Dieses Buch ist leidenschaftlich und rücksichtslos, radikal und aggressiv, zornig und hemmungslos. Und es ist gleichzeitig unreif, oft sehr naiv, unbeholfen, mitunter sentimental und melodramatisch. […] Ein heiserer Schrei, gewiß, doch ein erschütternder Schrei, dessen Ehrlichkeit nicht bezweifelt werden kann.“ Das ist kein uneingeschränktes Lob, aber das Bild eines Autors mit Haltung.
Als der Brecht-Schüler Egon Monk 1960 erster Leiter der neu gegründeten Abteilung Fernsehspiel des NDR wurde, wollte er dieses neue Format in bester Brechtscher Intention nutzen und politische Themen und Sichtweisen in die abendlichen Wohnzimmer der Bundesbürger bringen. Er wollte ‚sein‘ Fernsehspiel mit einem Paukenschlag beginnen und wählte Geisslers Roman „Anfrage“ aus. Die erste Umsetzung des Romans ins neue Medium (Regie: Hannes Dahlberg) ging jedoch gründlich schief. Die bereits groß in der Hörzu angekündigte Ausstrahlung wurde kurzfristig abgesetzt und Egon Monk übernahm, wie auch bei den beiden folgenden Geissler-Fernsehspielen, für eine zweite Fassung selbst die Regie.

Mit seiner ersten Arbeit für den NDR und Egon Monk (Geissler hatte die Drehbuchfassung selbst erarbeitet) war der Hörspielautor und Schriftsteller Hausautor des NDR. Es folgten die Fernsehspiele „Schlachtvieh“ (1963), „Wilhelmsburger Freitag“ (1964) und „Immer nur Fahrstuhl ist blöde“ (1969, Regie: Rolf Busch). Der Film von 1969 war gedacht als Teil eines größeren Projekts unter dem Titel „Widersprüche“. „Die Gefahr, meine Herren“, so heißt es in der Rahmenhandlung, „kommt weder von rechts noch von links. Sie kommt von unten.“ Geissler wollte zeigen, wo es gärt in der Gesellschaft, wo Wünsche offen bleiben, wo die Treibsätze der Veränderung sitzen. „Immer nur Fahrstuhl ist blöde“ zeigt eine junge Arbeiterfrau, die von einem besseren Leben träumt, ihren von der Pan Am-Werbung eingepflanzten Traum von der großen weiten Welt und ihren Traumprinzen, der sie über seine Möglichkeiten täuscht, der ihr all das gar nicht bieten kann. Der Film hat nur knapp dreißig Minuten. Das Projekt „Widersprüche“ war damit beerdigt, und ebenso die Arbeit des Autors für das NDR-Fernsehspiel: Denn als Monk Intendant des Deutschen Schauspielhauses wurde, gab es keine weiteren Perspektiven und Geissler wechselte ins Dokumentarfach: Über zwanzig Dokumentarfilme zu aktuellen politischen Fragen und zur deutschen Geschichte entstanden beim NDR zwischen 1969 und 1980. Zwischendurch hatte Geissler mit dem Drehbuch zu „Kopfstand Madame“ (1966, Regie: Christian Rischert, Drehbuch unter Mitwirkung von Alfred Neven DuMont und Christian Rischert) einen Ausflug ins große Kino unternommen, mit „Ende der Anfrage“ und „Nürnberger Resümee“ (beide 1966, Regie: Lothar Bellag) zwei Arbeiten für das Fernsehen der DDR abgeliefert und beim HR mit „Altersgenossen“ (1969, Regie: Hagen Müller-Stahl) eine Art Fortsetzung vom „Wilhelmsburger Freitag“ untergebracht.

„Man wird bemerken: Die Geschichte ‚Kalte Zeiten‘ hat das gleiche Thema wie mein Fernsehspiel ‚Wilhelmsburger Freitag‘. Es gibt Fragen, mit denen ist man beim ersten Anlauf nicht fertig geworden. Man muss dann an ihnen weiterarbeiten.“ Nach dem Roman „Anfrage“ und drei folgenden Fernsehspielen wandte Geissler sich wieder der Prosa-Arbeit zu und schrieb die Erzählung „Kalte Zeiten“: Sie knüpft an den Film „Wilhelmsburger Freitag“ an, erweitert die Perspektive und erzählt von einem Tag im Leben des jungen Arbeiterpaares Ahlers in Hamburg-Wilhelmsburg. Die beiden sind keine Kämpfer, passen sich an, wollen teilhaben am Wirtschaftswunder. Warum verspielen sie ihren Traum vom Glück und verraten ihre Zukunft, so wie es dreißig Jahre vorher die Mitläufer der NSDAP getan haben? Mit seiner Reportage „Ende der Anfrage“ (1966) über eine SS-Tötungsanstalt für Behinderte in Österreich gab Geissler es auf, Antworten auf seine Fragen von der Nachkriegsgesellschaft zu erwarten. Gesellschaftliche Gewaltverhältnisse – von der Nazizeit bis in die unmittelbare Gegenwart der restaurativen Bundesrepublik – sind sein zentrales Thema. Seine Romane und Filme zeigen solche Verhältnisse im Alltäglich-Konkreten, sein Augenmerk richtete sich auf die Gegenwehr, den Widerstand.

In „Das Brot mit der Feile” bekommt Ahlers eine Geschichte und eine Biografie: Er, seine halbstarken Kumpel, seine Freundin Rita, ihr linkes Umfeld und Proff, das Alter Ego des Autors, geraten in den Sog der Zeit, erleben den politischen Aufbruch der 1960er Jahre. „Wird Zeit, dass wir leben. Roman einer exemplarischen Aktion“ geht zurück in die Dekade von 1923 bis 1933, konzentriert sich dabei auf die Kämpfe am Ende der Weimarer Republik und endet durchaus übermütig mit der gelungenen Befreiung eines KPD-Funktionärs aus der Nazi-Haft. Mit „kamalatta“ (1988) springt Geissler in die 1970er-Jahre und entwickelt ein breit angelegtes Panorama widerständiger Initiativen – einschließlich einer bewaffneten Gruppe, die einen Anschlag auf das Nato-Quartier in Bad Tölz plant.

Schon der Roman „Anfrage“ trug dokumentarische Züge, hatte 14 Seiten Anmerkungen, in denen Anspielungen und wörtliche Zitate nachgewiesen wurden. „Kalte Zeiten“ trug den Untertitel „Nicht frei erfunden“. Doch nach „Ende der Anfrage“ richteten sich seine Fragen an seine Genossinnen und Genossen, die KampfgefährtInnen: Wer bedroht uns? Gegen wen kämpfen wir? Wie führen wir den Kampf? Was haben wir falsch gemacht? „Den habe ich doch selbst getroffen“, sagte er über Bruno Meier, der als Leo Kantfisch einer der Hauptfiguren in „Wird Zeit, dass wir leben“ ist. „Ich habe Gesichter, ganz bewusste, ganz bestimmte Gesichter im Kopf für die Menschen, die ich erfinde, denen ich Wege gebe“, so führt er in das Figurenensemble von „kamalatta“ ein. „Alles Verwandte“ – das war ein häufig gebrauchter Spruch von ihm. Dabei schrieb Geissler die Wirklichkeit nicht ab, er schrieb auch keine „Thesen-Literatur“, sondern entwickelte einen diskursiven Erzählstil, in dem die konkreten Wirklichkeiten und Erfahrungen eines vielschichtigen und differenzierten Figurenensembles auf Augenhöhe aufeinandertreffen.

„Das Brot mit der Feile“ markiert den Bruch zum vorherigen Prosawerk. Vorbereitet wurde er durch den Film „Altersgenossen“: Das Ehepaar Ahlers (aus „Wilhemsburger Freitag“ und „Kalte Zeiten“) hat Urlaub gemacht – in Griechenland, wo zu dieser Zeit das Militär putschte. Auf der Rückfahrt lernt es den SDS-Studenten Kanzki kennen. In Deutschland ist viel von Solidarität, Aufbruch und von Bündnissen der gesellschaftlichen Kräfte die Rede: Die Lehrlingsbewegung, Arbeiter und Studenten sollten gemeinsame Sache machen, Studenten gehen in die Betriebe, agitieren die Arbeiterklasse. Kanzki zieht in das freie Zimmer bei Ahlers ein, bemüht sich um seinen Vorzeigearbeiter, doch das große Bündnis bleibt stecken. Denselben Stoff, der auch in „Das Brot mit der Feile“ einging, hat Geissler auch in einem Hörspiel verarbeitet: „Verständigungsschwierigkeiten“ (SWR 1969, Regie: Hermann Naber). Christian Geissler über diese Zäsur in seinem Schaffen:

„Ich habe die ersten beiden Bücher allein geschrieben. Ich alleine, auch im Gefühl der Isolation gegenüber einer Literatur, die nicht meine war. Und von da an habe ich als Kommunist geschrieben, das ist ja die Zeit zwischen ‚Anfrage’ und ‚Kalte Zeiten’ auf der einen Seite und ‚Das Brot mit der Feile’. In der Zeit war ich der Kommunistischen Partei beigetreten, wusste ja wohl auch, warum, hatte mich also in einer bestimmten Weise entwickelt, und von da an war das ‚wir’ in einer solchen Weise erfreulich wichtig für mich, für mich war das so richtig, in ‚wir’ zu denken und auch zu schreiben, dass auch diese Bücher diesen Atem plötzlich bekommen: Ich bin gar nicht allein. Wir überlegen uns jetzt, wo sind wir eigentlich?“

„Literatur als Grenzüberschreitung“ war der Titel der Tagung im Brecht-Haus, deren Beiträge in diesem Band versammelt sind. Von den Überschreitungen der Grenzen zwischen Prosa, Hör- und Fernsehspiel war bislang die Rede. In einzelnen Phasen hat Christian Geissler immer wieder auch Gedichte geschrieben – mehrere Lyrik-Bände und Einzelveröffentlichungen zeugen davon. Er hat sich darüber hinaus mit einer für einen Schriftsteller dieser Jahre wohl einzigartigen Konsequenz und Rigorosität auch jenseits seiner künstlerischen Arbeit in die politischen Auseinandersetzungen der Bundesrepublik eingemischt, hat politische Reden gehalten, Manifeste formuliert. Parallel zu seiner Arbeit an dem Roman „Anfrage“ fand er Anschluss an die Redaktion der links-katholischen Werkhefte katholischer Laien (ab 7/1962 Werkhefte. Zeitschrift für Probleme der Gesellschaft und des Katholizismus), publizierte dort aktuelle politische Feuilletons und Reden, trat 1962 in die Redaktion ein, in der er bis 1964 verblieb. Er war Mitglied des Kuratoriums der Kampagne für Abrüstung und Ostermarsch, gehörte zum Kern der Ostermarschredner, hatte als solcher bis zu drei Auftritte in einem Jahr und sprach zusätzlich auch auf Kundgebungen zu Antikriegstagen am 1. September.

1965 endete seine Zusammenarbeit mit den Werkheften, Abdrucke seiner Reden finden sich seitdem in der Frankfurter Rundschau, Konkret und den Blättern für deutsche und internationale Politik. Mit ihrer Gründung Ende 1965 gehörte er der Redaktion der KPD-nahen Literaturzeitschrift Kürbiskern an, die er jedoch 1968, nach einem kritischen Bericht über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die ČSSR und weiteren politischen Divergenzen, wieder verließ. Geissler war zwischenzeitlich auch Mitglied der illegalen KPD. Den Schritt in die legale, aufs Grundgesetz verpflichtete DKP vollzog er nicht mit und sympathisierte mit den militanten Aktionen der Roten Armee Fraktion (RAF). Denn politische Gewalt, so sein Erleben, war als Gewalt der Herrschenden ja schon da. Er hatte sie im Nationalsozialismus, im Holocaust und im Krieg erlebt, nach 1945 manifestierte sie sich in der Wiederbewaffnung der jungen Bundesrepublik und den Notstandsgesetzen, in der Kolonialherrschaft europäischer Nachbarstaaten und deren Kolonialkriegen, in Militärjuntas in Griechenland oder Portugal und deren Unterstützung durch die Nato und die Bundesregierung. Gewalt erkannte Geissler aber auch im Ausbeutungsverhältnis in den Betrieben, in Konsum- und Meinungsterror. Die Frage des Widerstands war für ihn deshalb aktuell, die Frage nach gewaltsamen Aktionen legitim.

Zu Beginn der 1970er-Jahre teilte er diese Haltung noch mit zahlreichen Intellektuellen der Bundesrepublik. Doch er solidarisierte sich auch noch mit den RAF-Häftlingen und ihren Nachfolgern der zweiten und dritten Generation, als anderen die Gewalt längst zu weit ging. Geissler zählte 1973 zu den Mitbegründern des Hamburger Komitees gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD, wandte sich gegen die Isolationshaft und organisierte wenigstens in dieser Auseinandersetzung die Unterstützung von Schriftstellerkollegen (u.a. Henryk M. Broder, Peter O. Chotjewitz, Ingeborg Drewitz, Erich Fried, Max v.d. Grün, Heinar Kipphardt und Gerhard Zwerenz). Er beteiligte sich auch nach dem Deutschen Herbst 1977 am Kampf für die Zusammenlegung der RAF-Häftlinge und demonstrierte 1981 in der Kantine des Spiegels zusammen mit Angehörigen von RAF-Häftlingen gegen Isolationshaft.

Dass der Weg, den die RAF eingeschlagen hatte, gescheitert war, hatte auch er schon bald erkannt, doch grenzte er die Akteure nicht aus dem Spektrum des linken Widerstands aus und suchte die Verbindung mit ihnen, auch um über mögliche Lehren ins Gespräch zu kommen („dissonanzen der klärung. an die genossinnen und genossen der roten armee fraktion“, 1990).

„Ich will gar nicht, dass das [‚kamalatta‘] das Letzte ist, sondern das musste ich mir mal klar machen, an welchem Punkt der Ohnmacht und der damit verbundenen Ängste ich bin. Es ist ja so blöde, wenn ich das mal so persönlich sagen darf: Zusammen mit dem Sieg der Niedertracht, wie ich das nenne, oder mit dem Sieg der Eigentümer, werde ich ganz alt. Einfach am Körper. Ich bin halt jetzt siebzig demnächst. Das ist eine ungünstige Kombination. Also die einen siegen, die wir die Schweine nennen, die ich immer noch ganz beruhigt und zu Recht die Schweine nenne, die siegen in einem Moment, wo ich selber, von Natur her, nicht weil die das können, die können mich nicht fertig machen, aber von Natur her bin ich ein alter Mann geworden. Diese Kombination verschärft die Ohnmachtserfahrung natürlich. Aber gut: Ich bin noch nicht am Ende. Und über ‚Wildwechsel’ hinaus arbeite ich ja am nächsten. Das heißt ‚Ein Kind essen’.“

Zwei späte Prosastücke hat Christian Geissler in den 1990er-Jahren noch verfasst – „Wildwechsel mit Gleisanschluss. Kinderlied“ (1996) und „ein kind essen. liebeslied“ (2001). Beide Texte beschwören düstere Bilder: Im ersten geht es um die Festung Europa, die ihre Grenzen vor Flüchtlingen verschließt und auf alles Jagd macht, was nicht dazugehört, im zweiten um ein junges Paar – man denkt sofort an das Ehepaar Ahlers in „Kalte Zeiten“ -, das rund um die Uhr in seiner Autowerkstatt um ein bisschen Wohlstand kämpft und dabei vergisst, dass Öllachen und Lackdämpfe nicht die richtige Spiel-Umgebung für ein kleines Kind darstellen. Beiden Büchern wohnt aber auch eine trotzige, nicht unterzukriegende Widerständigkeit inne. Parallel zu diesen Prosa-Texten entstanden sechs weitere Hörspiele – für „Unser Boot nach Bir Ould Brini (SWR 1993, Regie: Hermann Naber) erhielt er den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Als Christian Geissler 2008 im Alter von fast 80 Jahren starb, war er fast vergessen. Ein einziges seiner Bücher – die Sammlung politischer Texte unter dem Titel „Prozeß im Bruch“ (1992) – war noch lieferbar, eine einzige Monographie gab es über sein Werk: „Die Subversion der Literatur. Christian Geisslers ‚kamalatta‘, sein Gesamtwerk und ein Vergleich mit Peter Weiss“ (1996) von Sven Kramer. Die Aufsätze, die über sein Werk erschienen sind, die Kapitel in Monographien zu übergreifenden Themen, lassen sich an zehn Fingern abzählen. Das sollte sich mit der Tagung im Oktober 2016 ändern.

Wir haben Vorträge gehört von KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die ein Stück des Weges mit Christian Geissler gegangen sind, die mit ihm zusammengearbeitet oder auch gelebt haben, die sich vor langer Zeit schon mit ihm auseinandergesetzt haben: Sabine Peters mit ihren Überlegungen zur Radikalität im Werk von Geissler, Didi Danquart und Ulrich Lampen, die einen Film bzw. Hörspiele mit ihm realisiert haben, Helmut Peitsch über Geissler und die Werkhefte katholischer Laien und Sven Kramer über seine späte Prosa. Wir haben Kolleginnen und Kollegen gehört, die heute, aus beinahe historischer Distanz, einen aktuellen Zugang zu seinem Werk gefunden haben: Peter Ellenbruch über das Fernsehspiel „Wilhelmsburger Freitag“, Britta Caspers über die daraus hervorgegangene Erzählung „Kalte Zeiten“, Ingo Meyer über die Besonderheit, dass und wie Geissler der linken Versuchung proletarischen Kitsches widerstanden hat, und schließlich Jan Decker über zwei Hörspiele aus den frühen 1990er-Jahren.

Das Themenspektrum umfasst so nahezu die gesamte Schaffensperiode Geisslers, reicht von seinem politischen Engagement in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre bis zu seinem Spätwerk. Die produktive Mischung der Beiträge macht deutlich, dass es aus dem Hier und Heute des Jahres 2016 interessante Zugänge zu seinem Werk gibt. Es lohnt, sich mit den in den hier versammelten Beiträgen formulierten Positionen auseinanderzusetzen, die hier aufgeworfenen Fragen weiterzuverfolgen. Indirekt weisen Tagung und Sammelband auch auf die blinden Flecken, auf die Notwendigkeiten künftiger Beschäftigungen hin: Das lyrische Schaffen bis hin zu den Großen Gesängen („dissonanzen einer klärung“), seine besondere Form des politischen Manifests fanden bei dieser Tagung keine Aufmerksamkeit, die frühen Hörspiele aus den 1950er-Jahren liegen weitgehend im Dunkeln, seine Stellung im Literaturbetrieb, die zeitgenössische Rezeption seiner Werke, die Wahrnehmung Geisslers und seine Arbeit in der DDR (einschließlich ihres abrupten Endes), sein Werk als Dokumentarfilmer, die wechselseitigen Einflüsse der verschiedenen Genres, das Wechselspiel von Politik und künstlerischer Arbeit und vieles mehr warten auf eine tiefergehende Analyse.

Überraschend – für die Organisatoren ebenso wie für die Besucher der Tagung und sicher auch die Leser dieses Bandes – ist der Umstand, dass weder Geisslers Romandebüt „Anfrage“ noch sein als Hauptwerk geltender Roman „kamalatta“ Gegenstände eigenständiger Betrachtungen sind. Die Ursache dafür kann weder Geringschätzung noch der Umstand sein, dass über diese beiden Werke schon alles gesagt ist. Im Gegenteil: Man kann sogar die These wagen, dass sie konstitutiv sind für den Blick auf das Werk Geisslers, dass sie in den meisten Beiträgen präsent sind – vor allem in der in diesem Band ebenfalls dokumentierten Podiumsdiskussion „Christian Geissler: Ästhetik – Politik – Widerstand“ zwischen den Literaturkritikern Helmut Böttiger und Dietmar Dath und dem Regisseur Didi Danquart.

Als Resümee kann vor allem eines festgestellt werden: Die Tagung im Literaturforum des Brecht-Hauses war ein Auftakt, ein produktiver Neubeginn der Beschäftigung mit Christian Geissler. Die hier eingeschlagenen Wege, Geissler zu lesen, sollten weiter beschritten werden und dabei helfen, das Werk dieses wohl einzigartigen Autors für größere Kreise zu öffnen.

Detlef Grumbach

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