Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

Portrait Christian Geissler 1989
Portrait Christian Geissler 1989

Arbeitsbiografie von Christian Geissler

Christian Geissler wurde am 25.12.1928 in Hamburg geboren. Seine Mutter stammte aus Polen, der Vater war ein Bauunternehmer; ein anfangs überzeugter, dann zunehmend schweigsam werdender Nationalsozialist, der sich Anfang 1945  freiwillig als Soldat meldete und den Krieg nicht überlebte. Christian Geissler selbst wurde im Januar 1944 als Flakhelfer der deutschen Wehrmacht eingezogen, im März 1945 flüchtete er in die mecklenburgischen Wälder. Nach dem Abitur 1949 begann er ein Studium der evangelischen Theologie in Hamburg, das er unterbrach. Er wurde kaufmännischer Lehrling in einem Industriebetrieb und  verbrachte 1951 ein halbes Jahr als Landarbeiter in England.

O-Ton-Collage Christian Geissler: Heimat – und eine Kindheit im Nationalsozialismus

Ab 1952 setzte er sein Studium in Tübingen fort. 1953 konvertierte er zum Katholizismus und wechselte an die Uni München, wo er sich für Psychologie einschrieb. Nebenher war er als Landvermessungsgehilfe, Forstarbeiter, Nachtportier und Jugendleiter tätig. 1956 brach er das Studium ab und schrieb Sendungen für den Hörfunk. Damit begann seine Arbeit als freier Schriftsteller. 1960 erschien sein erster, im In- und Ausland viel beachteter Roman „Anfrage“. In dieser Auseinandersetzung mit der Vätergeneration, die im Wirtschaftswunderland BRD nach 1945 weitgehend unbehelligt lebte, fragte Geissler nach der individuellen Verantwortung für die Judenverfolgung in Deutschland. Sein gesamtes späteres Werk stellt in immer neuen Ansätzen die Frage nach der Verantwortung für und in repressiven Verhältnissen. Und es fragt nach den Möglichkeiten, sowohl individuell als auch kollektiv Widerstand zu leisten.

Christian Geissler war von 1960 bis 1964 Redaktionsmitglied der links orientierten „Werkhefte katholischer Laien“; 1962 trat er aus der katholischen Kirche aus. Von 1962 bis 1968 war er Mitglied des Kuratoriums der Kampagne für Abrüstung und Ostermarsch, und von 1965 bis 1968 gehörte er zu den Herausgebern der marxistischen Literaturzeitschrift „Kürbiskern“. 1967 wurde er in die illegale KPD aufgenommen, die er 1968 verließ: Die Verwandlung der KPD in eine parlamentarisch akzeptierte und gesetzestreue DKP leuchtete ihm nicht ein. Die Verfilmung des ersten Romans „Anfrage“ unter der Regie von Egon Monk brachte ihn 1962 zum Fernsehen. In den folgenden Jahren entstanden Dokumentarfilme wie „Ein Jahr Knast“ über eine neue Jugendstrafanstalt oder „Wir gehen ja doch zum Bund. Arbeiter unter 18.“ Von 1972 – 74 war Geissler Dozent an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Westberlin, und 1973 zählte er zu den Mitbegründern des Hamburger Komitees gegen Folter an politischen Gefangenen in der BRD. Seine Mitgliedschaft im P.E.N.-Zentrum dauerte von 1971 bis 1976.  Im Mittelpunkt der Jahre ab 1960 stehen allerdings seine Romane, Gedichte, Aufsätze und Hörspiele.

O-Ton-Collage Christian Geissler: Kämpfen

Christian Geissler war auch als Schriftsteller ein unorthodoxer Kommunist, der Diskussionen mit allen Teilen der Linken führte, einschließlich der RAF. Im Mai 1970 lernte er die Konkret-Kolumnistin Ulrike Meinhof kennen, und sein Roman „Kamalatta“ von 1988 enthält neben sehr vielen anderen Motiven auch die Auseinandersetzung um den bewaffneten Kampf in Westeuropa. Der Untertitel „romantisches fragment“ weist auf  die Hoffnung hin, die Spannungen und Differenzen innerhalb „der“ Linken in ihrer Vielstimmigkeit produktiv zu machen.

Das weltweite Scheitern der realsozialistischen Staaten ab 1989 und der Siegeszug des Neoliberalismus hat Geissler nicht überrascht. Aber bei aller Kritik an den katastrophalen Entstellungen auf Seiten der Linken, bei aller Desillusionierung nannte er sich weiterhin einen Kommunisten.

Christian Geisslers politische Entwicklung ist nicht von seiner ästhetischen zu trennen. Der Faschismus hatte sein Zutrauen in die „Heimatsprache“ gründlich zerstört. Avantgardistische experimentelle Formen wie Dada galten in Deutschland nach 1933 als „entartet“, und auch nach 1945  waren sie weitgehend verpönt. Die „Anfrage“ war bei allem Formbewusstsein und auch in ihrem präzise-aggressiven Potential noch ein relativ  konventionell geschriebener Roman. Geissler, ein leidenschaftlicher Leser, der sich allerdings kaum in Schriftstellerkreisen bewegte und nicht an ästhetischen Literaturbetriebs-Debatten teilnahm, entwickelte mit den Jahren eine eigene, unverwechselbare Schreibweise. Sie ist teilweise beeinflusst aus den Erfahrungen seiner Dokumentarfilmarbeit, also nahe am direkten, „wilden“ Sprechen von „kleinen Leuten“. Gleichzeitig nähert sich Geisslers Schreiben zunehmend der lyrischen Prosa: Es ist fragmentarisch und dabei verdichtet, klangvoll und  rhythmisiert. Es breitet nach allen Seiten assoziative Bezugsgeflechte aus: Sie reichen von Liedzitaten (z.b. Schubert/Müller) und Märchenanklängen bis zurück in die historische Zeit des Nationalsozialismus; sie nehmen Partikel von Gegenwart auf oder auch Elemente einer Zukunft mit apokalyptischen Zügen, in der das Vergangene weitermacht. Gewalt und Widerstand, Zorn und Liebe, Traum und Realität fließen vor allem in den späten Texten zu düster leuchtenden Bildern zusammen. Sie verzichten nicht auf Logik oder auf die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und deren Folgen für Individuen und Kollektive. Gleichzeitig öffnen sich die Texte immer mehr dem Staunen: Sie artikulieren eine „orientierte und desorientierte Überraschung“ (CG). Sie wollen das Rätsel des Lebendigen nachbuchstabieren, ohne es zu zerstören.

O-Ton-Collage Christian Geissler: Schreiben

Christian Geissler wechselte häufig seine Wohnplätze, bevor er relativ dauerhaft, von 1985 bis 2004 im ostfriesischen Dorf Ditzumerverlaat lebte. Er brauchte „Schreibverstecke“, und so hielt er sich zwischendurch auch immer wieder monatelang in abgelegenen Gegenden Schottlands, Frankreichs, Portugals auf. 2004 zog er zurück nach Hamburg.

Seit Mitte der neunziger Jahre unternahm Christian Geissler längere Reisen nach Osteuropa und Israel. So war er auch mit einem seiner Kinder, dem Filmemacher Benjamin Geissler, unterwegs, um nach den Bildern des polnisch-jüdischen Schriftstellers und Malers Bruno Schulz zu forschen, der im galizischen Drohobyz 1942 von den Nazis ermordet wurde. Davon sprechen Christian Geisslers Hörspielarbeit „Zwillingsgassen“ (SWR 2003), und  „Vor der Wand/ Ach wie gut/ Niemand weiß“. („Die Aktion“, Nr 205, 2002). Die letzten unveröffentlichten Texte kehren damit gewissermaßen zum ersten Thema zurück, zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch die Faschisten. Und sie kehren in die Zeit der eigenen Kindheit zurück. Ein Manuskript mit dem Arbeitstitel „kiwitt – heimreise zum schwarzen hund“ konnte Christian Geissler nicht mehr beenden. Er starb am 26.8.2008 an den Folgen einer Krebserkrankung.

Text: Sabine Peters.
Die Verwendung des Fotos wurde uns freundlicherweise von der Fotografin Isolde Ohlbaum (bei der das volle Copyright liegt) überlassen. Die O-Ton-Collagen wurden von Studierenden der Universität Osnabrück des Fachs Germanistik erstellt.
Vielen Dank.

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