Christian Geissler Gesellschaft

Neues, Anderes, Nicht-Vergangenes

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2. Juni 1967 – Rede von Christian Geissler

Anlässlich einer Demonstration von Münchener Studenten am 5. Juni 1967

[auch in seinem Roman “Das Brot mit der Feile” hinterlässt der Schahbesuch seine Spuren. Hier ein kleiner Auszug aus dem Roman.]

Die Rede:

Meine Damen und Herren,

ich habe gestern von einem Freund, einem· jungen Berliner Schriftsteller, einen Brief bekommen. Darin heißt es:

»Im Wesentlichen kannst Du dem heutigen ›Tagesspiegel‹ entnehmen, was sich zugetragen hat. Ich könnte Dir allenfalls einen Augenzeugenbericht geben über verschiedene tatsächlich grauenhafte Einsätze der hiesigen Polizei –

darüber, wie die Polizei noch während der Demonstration das Gerücht hat verbreiten lassen, ein Polizist sei getötet worden, was die anderen Polizisten natürlich nur aufputschen konnte –

dass die Bevölkerung am Straßenrand die Polizei aufforderte, die Studenten zusammenzuschlagen –

dass diese Leute in Diskussionen fast ausnahmslos für die Vergasung und Erschießung der Studenten waren –

dass ich etwa ein Dutzendmal gehört habe, Hitler solle endlich wiederkommen –

dass Ärzte in Krankenhäusern sich geweigert haben, Demonstranten zu behandeln –

dass die von der Polizei zusammengeschlagenen Studenten von Ärzten und Krankenschwestern beschimpft wurden. Wenn Du diese Angaben öffentlich verwenden willst, dann nenne bitte meinen Namen nicht. Keiner weiß hier genau, was in den nächsten Tagen auf uns zukommen wird. Die Situation ändert sich stündlich.«

Meine Damen und Herren,
dieser Brief stammt, das versichere ich Ihnen, von einem sehr vernünftigen Mann. Jetzt, so klingt das, was er schreibt, hat dieser Mann Angst, und ich frage mich: Was ist das hier für ein Land, dass man in ihm schon wieder Angst haben muss, wenn man für die Freiheit eines unterdrückten Volkes demonstriert? Was für eine hinterhältige Gegend ist das, in der ein junger Mann, der gegen einen parfümierten Terrorchef auf die Straße geht, von hinten erschossen wird?
Sie kennen das Gedicht von Brecht »O Falladah, da du hangest«. Ich zitiere die Schlussverse:

»Was für eine Kälte
muss über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein,
dass sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! und tut es in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!«

Ich finde, nach den jüngsten Berliner Ereignissen müssen wir diese Frage und diese Forderung nun endlich doch sehr konkret auf unsere hiesige Gesellschaft beziehen. Denn wenn wir das nicht tun, dann wird uns, und das sind nicht wir allein, sondern das ist die Masse unseres Volkes, demnächst tatsächlich etwas passieren, was wir nicht für möglich halten. Was da auf uns zukommt, zeichnet sich bereits deutlich ab. Ein Mord genügt uns. Jetzt werden endlich Adressen genannt werden müssen. Adressen von denen, die unser Land immer wieder blödeschlagen von oben her, bis es dann blindlings nach Mördern schreit, bis es den Tod, die Selbstvernichtung mehr liebt als das Leben. Man soll dort oben nicht meinen, dass man alles mit uns machen kann. Man soll dort oben nicht länger hoffen dürfen, wir merkten nicht, was gespielt wird. Gemeinheit und Gewalttätigkeit, wie sie in dem zitierten Brief geschildert werden, kommen nicht vom Himmel her in die Köpfe der Leute, sondern von denen, die die Macht im Lande haben, noch haben!

Diejenigen, die am Straßenrand stehen und nach Gas und nach Gewehren schreien, die haben bei Springer gelernt. Sie alle wollten, als sie noch jung waren, bessere, freundlichere Sachen lernen. Aber dann hat man ihre Gehirne tagaus tagein mit der gleichen Droge gespritzt: Mit Hass und Hochmut und Zynismus. Und nun sind sie im Rausch und möchten totschlagen. Das kennt man.

Und die, die in den Krankenhäusern den politischen Mut von jungen Leuten beschimpfen, beschimpfen sich selbst und ihre besseren Möglichkeiten. Warum? Weil sie auch einmal Mut hatten, Aber dann haben sie ihn sich wegmachen· lassen, dann sind sie folgsam und blöd geworden, ehrgeizig und kalt, ganz so, wie die. Gesetze der hiesigen Erziehung, die Gesetze des Fortkommens, des Erfolges, wie die Formeln dieser unsäglichen deutschen Tüchtigkeit es vor­ schreiben., Und nun rächen sie sich an denen, die trotz allem und gegen all das noch gründlich nachdenken und handeln wollen.

Und die aus Uniformen heraus auf Menschen herunterknüppeln (heute auf Studenten, morgen auf Arbeiter, man lese Wallraff!), und der, der einem, der keine Waffe hat, in den Hinterkopf schießt – sie alle denken, sie machen auf diese Weise Ordnung und Sicherheit, und haben vergessen, dass sie immer nur die Ordnung und die Sicherheit von denen da oben besorgen. Also ganz und gar nicht ihre eigene. Also auch nicht unsere.

Denn das, meine Damen und Herren, sollten wir doch gerade jetzt, wo die Macht im uralten klassischen Stil, also im Stil einer herrschenden Klasse ausgeübt wird, sehr genau bemerken:

Diejenigen, die uns, ob dumm oder dienstverpflichtet, am liebsten gleich heute Abend noch fertig machen möchten, genau die sind gleichzeitig eben auch unsere Leute, ob ihnen oder uns das gefällt oder nicht. Aber warum steht das dann feindlich gegeneinander? Weil man die meisten von ihnen schon wieder gründlich dumm geschlagen hat. Man hat ihre Angst benutzt, um sie beherrschen und gehorsam halten zu können.

Und jetzt stehen sie uns kalt und teilnahmslos gegenüber, viele von ihnen feindlich.

Aber wir machen einen Fehler, wenn wir uns in diese Kälte und in diese Feindschaft hineinziehen lassen. Wir würden auf diesem Wege verlieren, was wir haben. Wir haben die vernünftige, gerechte Sache auf unserer Seite und haben also, meine ich, Anlass, mit Vergnügen und mit Entschlossenheit für dieses Land hier zu kämpfen, für die Entwicklung einer demokratischen Ordnung, für das Vorwärtskommen von Fortschritt und Frieden.

Nicht die Leute hier ringsum sind niederträchtig, sondern das System ist es, unter dem sie leben und in das sie eingefasst sind.

Dieses System muss geändert werden. Und es wird auch geändert werden. Denn dies hier ist unser Land!

[Aus: Knut Nevermann / vds (Hg.): Der 2. Juni 1967. Studenten zwischen Notstand und Demokratie. Dokumente zu den Ereignissen anlässlich des Schahbesuchs.PRV 1967, S. 83 f.]

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